Der Angeklagte Karlheinz Schreiber pokert hoch. Er behauptet, unschuldig zu sein, nennt aber bisher weder Ross noch Reiter. Das kann für ihn vorteilhaft sein, ist es aber wahrscheinlich nicht. Von Josef Karg

Da sitzt er an diesem Montagmorgen neben seinen Verteidigern, gestikuliert, bedeutet ihnen, dass bestimmte Punkte wichtig seien. Der Angeklagte Karlheinz Schreiber wirkt hoch konzentriert, ist immer bei der Sache, so als hätte er in diesem Verfahren nach wie vor alles im Griff.
Zumindest in einer Hinsicht stimmt es. Der früher so beredte Geschäftsmann hat sich bisher strikt an die Marschregel seiner Anwälte gehalten, obwohl ihm das offensichtlich schwerfällt. Er schweigt.
Dabei muss es in ihm mächtig brodeln. Wer mit Schreiber je über seinen Fall gesprochen hat, weiß: Es ist ihm ein Bedürfnis, den anderen von seiner Unschuld zu überzeugen. Darzustellen, dass nie er hinter Briefkastenfirmen panamaischer und liechtensteinischer Provenienz stand (über sie sollen im Zusammenhang mit Flugzeug- und Panzergeschäften nicht versteuerte Provisionszahlungen und Schmiergelder in mehrstelliger Millionenhöhe geflossen sein). Zu betonen, dass er und Franz Josef Strauß nur das Beste für Bayern wollten. Zu referieren über die Verwicklung der Politik, das Spendenwesen im Allgemeinen, seine Steuerzahlungen im Besonderen. Stundenlang weiß er so zu erzählen. Am Ende versteht der Zuhörer gar nichts mehr.
Die Anwälte verfolgen eine andere Taktik. Sie haben dem Angeklagten geraten, sich persönlich nicht zu den Vorwürfen zu äußern.
Der bislang souverän wirkende Vorsitzende Richter Rudolf Weigell versucht immer wieder, den 75-Jährigen aus der Reserve zu locken: "Herr Schreiber, wer hat die Anweisung gegeben, die Gelder (sprich Provisionen für bestimmte Geschäfte) zu verteilen?" Schließlich ist es der große Unbekannte, auf den dieser seine Unschuld stützt.
Der Kauferinger Geschäftsmann will nur auf Anweisung gehandelt haben, wie er am ersten Prozesstag vage erklären ließ. Verteidiger Jens Bosbach lässt Weigell jedes Mal abblitzen: "Dazu wird der Herr Schreiber an diesem Prozesstag nichts sagen. Er behält sich vor, dies zu einem späteren Zeitpunkt zu tun."
Daraufhin Weigell: "Das ist keine Arbeitserleichterung für die Strafkammer und hat mit Kooperationsbereitschaft nichts zu tun." Indirekt kann man dies durchaus als Drohung verstehen. Das heißt: Solange Schreiber alle Vorwürfe abstreitet, ist kein strafmildernder "Deal" mit der Anklage in Sicht. Der Angeklagte nickt am Ende des Dialogs. Aus seiner Miene lässt sich nichts lesen.
Man darf gespannt sein, wie der Prozess weitergeht. Denn das überraschende große Entlastungs-Dokument scheint es nicht zu geben. Das hätten Schreiber und seine Anwälte nach Meinung von Prozessbeobachtern längst vorgelegt.
Statt dessen will die Verteidigung offenbar immer wieder Zweifel säen, kleine Faktenschnipsel streuen, die darauf hindeuten, dass die Sache auch anders gelaufen sein könnte, als die Staatsanwaltschaft ermittelt hat.
Wie beispielsweise die Geschichte der Kensington-Anstalt. Diese Briefkastenfirma aus Liechtenstein, sozusagen die Mutter des Scheinfirmengeflechts, hinter dem laut Anklage Schreiber steckt, gibt es bereits in den 70er Jahren. Anwalt Bosbach kann sogar belegen, dass sie bis 1979 nicht Schreiber gehörte.
Richter Weigell lässt sich jedoch bisher nicht beirren. Es gehe um die Zeiträume zwischen 1988 und 1993, nicht um das Geschehen zehn Jahre davor, kontert er. Er hält Kurzbriefe Schreibers dagegen, in denen der einen Treuhänder auffordert, Provisionsverträge im Namen der Scheinfirmen zu unterschreiben. Das wiegt schwer.
Was bisher an Indizien bekannt ist, dürfte es der Lobbyist schwer haben, das Gericht von seiner Unschuld zu überzeugen. Es dürfte allerdings auch schwierig werden, ihm die Schuld definitiv nachzuweisen. "Schweigen ist Gold" gilt nicht nur als Motto der Schattenwirtschaft, es ist auch Schreibers Motto. Den schwerwiegenden Vorwurf der Steuerhinterziehung von gut elf Millionen Euro wird er mit dieser Methode allerdings nur schwer vom Tisch bekommen. Von Josef Karg
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