Startseite
Icon Pfeil nach unten
Bayern
Icon Pfeil nach unten

Kirche: Kaufbeuren ist nicht Altötting

Kirche

Kaufbeuren ist nicht Altötting

  • |
  • |
  • |
    Der Reliquienschrein mit den Gebeinen der Heiligen Crescentia ist ein Ort inniger Verehrung in der Klosterkirche Kaufbeuren. Vor allem Gläubige aus Kaufbeuren selbst und dem Umland suchen bei der vor zehn Jahren heiliggesprochenen Nonne Beistand.
    Der Reliquienschrein mit den Gebeinen der Heiligen Crescentia ist ein Ort inniger Verehrung in der Klosterkirche Kaufbeuren. Vor allem Gläubige aus Kaufbeuren selbst und dem Umland suchen bei der vor zehn Jahren heiliggesprochenen Nonne Beistand. Foto: Matthias Wild

    In der Klosterkirche sitzen an diesem Vormittag zwei Paare und ein älterer Mann. In seine Andacht vertieft bewegt der Mann lautlos die Lippen. Nach einer Weile steht er auf und geht – nicht ohne eine Kerze anzuzünden. Draußen sagt er: „Einmal pro Woche komme ich zur Crescentia und spreche mit ihr. Das ist Teil meines Leben.“

    Welch innige Beziehung die Menschen aus der Stadt Kaufbeuren und dem Umland zu „ihrer“ Heiligen pflegen, erlebt die Generaloberin des Crescentiaklosters, Schwester Regina Winter, Tag für Tag. Zwar zählt sie die Menschen nicht, die täglich die Klosterkirche mit dem Reliquienschrein besuchen oder an die Pforte kommen, aber: „Es sind viele, sehr viele.“ Oft sind es schwere Anliegen und große Sorgen, mit denen sich die Gläubigen entweder direkt an Crescentia wenden oder eine der Schwestern bitten, ihr Ansinnen weiterzutragen. Crescentia galt seit jeher als kluge Ratgeberin, die sich für ihre Mitmenschen einsetzte. Schon ihre damalige Oberin berichtete im Jahr 1726: „Es verlangt jedermann mit ihr zu sprechen (...), alle gehen getröstet von ihr.“

    Im Fürbittenbuch, das in der Klosterkirche gleich neben dem Reliquienschrein liegt, beginnen viele Einträge mit einem „Liebe Crescentia“ und enden ganz vertraut mit einem „Dein Georg“ oder „Deine Johanna“. Gebeten wird um Hilfe und Beistand bei Beziehungsproblemen, bei Krankheit oder Operationen, aber auch in der Schule und bei Examensprüfungen. Mancher Wunsch bleibt auch sehr im Allgemeinen: „Bitte hilf uns, dass alles gut klappt“, steht dort in Kinderschrift.

    „Die Menschen schöpfen Kraft von Crescentia. Sie ist ein Vorbild und eine Säule im Leben von vielen“, sagt Schwester Regina. „Und gleichzeitig gehört sie mit einer großen Selbstverständlichkeit zum Alltag der Menschen.“ Der Germanist und Historiker Karl Pörnbacher, Vizepostulator für Crescentias Heiligsprechung vor zehn Jahren, teilt diese Einschätzung. Eine „unmittelbare, ganz selbstverständliche Verortung“ nennt es der Autor mehrerer Crescentia-Bücher und liefert damit einen möglichen Erkläransatz für das Ausbleiben größerer Pilgerströme in die ehemalige freie Reichsstadt. Crescentia habe immer „ganz direkt auf die Menschen gewirkt“. Das heißt: Die Gläubigen suchen die Heilige bei einem Anliegen gleich auf, wählen nicht den „Umweg“ über eine Wallfahrt. „Crescentia und das Kloster sind eher das Ziel eines Sonntagnachmittagausfluges. Also ganz anders, als wir es zum Beispiel von Altötting kennen“, sagt Pörnbacher.

    Die Zahl der offiziell registrierten Pilger hat sich in den vergangenen Jahren zwischen 4000 und 5500 eingependelt. In Kaufbeuren hatte man sich größeres Interesse erhofft – zumindest beim Verein für Tourismus- und Stadtmarketing. Seit ihrer Heiligsprechung im Jahr 2001 versucht die Stadt von der einstigen Weberstochter zu profitieren – bislang mit mäßigem Erfolg. Nach einem anfänglichen Ansturm in den Jahren 2001/02 flaute das Interesse an der ersten deutschen Heiligen des dritten Jahrtausends bald wieder ab. Daran änderte auch die im Herbst 2007 geschaffene Stelle einer Pilgerbeauftragten nichts. Nach nur drei Jahren warf die Marketingfrau selbst das Handtuch und die Stelle wurde nicht wieder neu besetzt.

    „Crescentia ist eine Heilige mit regionaler Anziehung. Überregional findet das Thema nicht so statt wie gedacht“, sagt der Kaufbeurer Oberbürgermeister Stefan Bosse. Zwar betont auch er das „innige Verhältnis“ der Menschen und der Stadt zu Crescentia, aber Bosse kommt zu dem Schluss: „Sie ist eine stille Heilige, die sich nicht für die Kommerzialisierung eignet.“ Die, die kommen, wollen beten – und fahren dann wieder nach Hause.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden