Von Nicola Schneider, Eschede. Ein langer, tiefer Blick in Tones junge Löwenaugen genügte: "Wir werden es nicht leicht miteinander haben", sagte Tiertrainer Joe Bodemann damals im März, als er das verschüchterte Raubkätzchen mit stumpfem, struppigem Pelz in der Gessertshausener Tierklinik kennenlernte. "Aber wir haben eine Chance." Sprach's und holte Tone zu sich in den Filmtierpark Eschede.
Beide kämpften für diese Chance in den darauf folgenden Monaten Bodemann mit unendlicher Geduld und Ruhe mit dem Tier, Tone mit nachlassender Schreckhaftigkeit, wachsendem Vertrauen zum menschlichen Freund.
Heute kann Filmtierpark- Manager Sven Hellwig sagen: "Damit hat hier keiner gerechnet. Er hat sich gut entwickelt." Tone alias Alvin ist ungefähr neun Monate alt, so groß wie ein Schäferhund, hat goldglänzendes Fell, bekommt Vitamine für sein labiles Nervensystem, wiegt 70 Kilo, frisst täglich fünf Kilo Rindfleisch und ist sich seiner Kraft nicht recht bewusst. Sein neuer Spielgefährte, der drei Monate alte Babylöwe Alf, muss das büßen. "Wenn Alvin einmal mit der Pranke 'hallo' sagt, fliegt Alf durch die Gegend. Für die Schubser ist der Kleine noch nicht stabil genug", sagt Hellwig.
Dabei sei Alvin eigentlich erstaunlich behutsam mit seinem tapsigen Freund. "Er akzeptiert ihn. Vor den anderen Tieren im Park hat Alvin aber panische Angst." Mit einer Ausnahme: Hunde. Die kenne er, von früher, vom Bauernhof in Babenhausen. "Er freut sich so, wenn er einen Hund sieht. 'Hey Kumpel, lass uns spielen' signalisiert er ihm dann." Gebell beruhigt Alvin. Er ist deshalb nicht im Raubtiergehege untergebracht, sondern im Hundehaus.
Von dort tritt er täglich um 10 Uhr seinen Spaziergang durch den Park zu seinem Außengehege an an der Leine. Das ist Teil seines Trainings: Sich an die Leine, an fremde Menschen, Autos, Filmkameras, Scheinwerfer gewöhnen. Schließlich soll aus Alvin ein Filmlöwe werden.
Schon ein paar Mal stand er vor der Kamera. Das ZDF begleitet ihn für eine Serie auf seinem Weg vom kranken Löwenbaby zum Fernsehstar - kein leichtes Unterfangen. "Alvin verschanzt sich manchmal den halben Tag in seinem Gehege", sagt Hellwig. "Das ist der einzige Haken." Wegen der Fehlentwicklungen in seiner bewegten Kindheit ist Tone, der jetzt Alvin heißt, schwer zu berechnen. "Beim Training blockiert er und muss dann völlig in Ruhe gelassen werden. Mit Druck würde er nur aggressiv werden."
Sehr, sehr lange hat Alvin gebraucht, vor unbekannten Dingen nicht die Flucht zu ergreifen, sondern vertrauensvoll an der Seite seines Trainers Joe Bodemanns zu bleiben. Hat sich der Trainer mal einen Tag nicht um den kleinen Löwen gekümmert, drohten die zarten Bande zwischen den beiden sofort wieder zu zerbrechen. "Er konnte einfach nicht verstehen, dass Papa Joe nicht mit ihm spielt und andere Dinge tun muss", so Hellwig. Inzwischen gibt sich Alvin vor der Kamera manchmal schon wie ein alter Hase: ruhig, relaxed.
Aber ob Alvin wirklich ein Filmlöwe wie andere wird? "Er hat zwar eine starke Sprungtendenz", sagt Hellwig. "Aber keiner weiß, wohin sich das entwickelt." Sie haben es nicht leicht miteinander. Joe Bodemann hatte es vorhergesagt.