Symptomatisch kamen Eric Clapton und Steve Winwood ganz entspannt auf die Bühne auf dem Königsplatz in München geschlendert. Doch dieses Gipfeltreffen stieß bei glasklarem Sound mitten ins Herz. Von Rüdiger Heinze

Hochdruck am Himmel, Hochdruck an den Publikumseingängen, gefolgt vom rhythmisch-treibenden Hochdruck dann vor allem in den schnellen Blues-Nummern des Abends: Dieses Gipfeltreffen auf dem Münchner Königsplatz stieß bei glasklarem Sound mitten ins Herz.
In denen aber, die ihn mit hochrespektablen Namen verantworteten, konzentrierte sich die Kraft der Ruhe und Gelassenheit. Symptomatisch, wie entspannt sie kurz nach acht auf die Bühne vor die Propyläen schlenderten, einen Guten-Abend-Gruß entboten und dann ohne Faxen, ohne Geschwätz, ohne gestisches Anheizen, ohne Effekte, ja nahezu ohne Show ein zweieinviertelstündiges Open Air ablieferten zum höheren Ruhm dessen, worum es bei solchen Gelegenheiten eigentlich immer gehen sollte: Musik.
Diese zwei Künstler müssen keinen Eindruck mehr schinden; sie ruhen fest auf dem Fundament der neueren Musikgeschichte, das sie Ende der 60er Jahre in England legten. Sie waren Geburtshelfer inmitten der heroischen Zeit der Rockmusik. Insofern war nun der klassizistische Platz angemessen, auf dem wohl an die 15.000 mit ihren Idolen älter gewordene Hörer lauschten.
Dabei schauten Eric Clapton und Steve Winwood immer auch über den Tellerrand hinaus. Sie stellten die Weichen für den differenzierenden Kunstrock, der die reine Strophe plus Refrain hinter sich zu lassen trachtete und das Song-Metrum aufbrach. Aber gleichzeitig vergaßen bzw. leugneten sie nie ihre Wurzeln und ehrten geradezu demonstrativ und auch ein wenig massenpädagogisch ihre musikalischen Großväter - wie etwa Howlin' Wolf und Robert Johnson. Der große gemeinsame Nenner ihres künstlerischen Lebenslaufs ist der Blues.
Ein Stuhl für den Altmeister
Und dieser stand nun auch im Zentrum dieses fulminanten Münchner Abends, der auch deswegen so hinriss, weil sich zwei Autoritäten nicht den Rang abzulaufen versuchten, sondern unprätentiös sich ergänzten, in langen, exzessiven, geldwerten Solos die Bälle zuspielten und sich so emporschaukelten - unterstützt von dem starken Keyboarder Chris Stainton und den verlässlich-soliden Willie Weeks (bass) und Steve Gadd (drums). Selten musikalisch unabdingbar jedoch die Backgrund-Vocals.
Die Dramaturgie des dreiteiligen, gleichwohl aber im Grunde kompakt-nahtlosen Auftritts war durchaus gewagt. Denn dem rhythmisch-drängenden Auftakt, in dem das gottlob noch immer nicht obsolet gewordene Handwerk gepflegt wurde, folgte ein Abschnitt, der so gar nicht auf Volkswirkung angelegt war: Steve Winwood, der während dieser Tournee nicht wenig auch auf der Gitarre beiträgt, klemmte sich hinter die Orgel (und glänzte mit seiner soulbewegten "Georgia"), und Eric Clapton, in seinem 66. Lebensjahr durchaus in Ehren ergraut, nahm Platz auf einem Stuhl, wie er Altmeistern zusteht.
Und nun wurde es leise und intim auf dem Königsplatz, und man musste mitunter lauschen und die Ohren spitzen, wollte man zum akustischen Blues Claptons das dezente Schlagzeug und das sublim unterlegte Hammond-Schwellwerk Winwoods verfolgen.
Es war eine nächtlich-melancholische Kammermusik, die da - etwa in "Driftin'" und "How long" - erklang: fein, ziseliert, für den Gourmet, die Seelensaiten berührend. Und doch besaß sie auch, auf subtilerer Ebene, die Energie und die Intensität, die zum großen Finale dann offen ausbrach. Natürlich, ohne "Can't find my way home" aus der kurzen "Blind Faith"-Zeit von Clapton/Winwood und ohne "Layla-Cocaine", diese Clapton-Abräumer, ist solch ein Double-Star-Konzert kaum vorstellbar.
Aber das Konzentrat des aufgefrischten Künstlerbundes lag dann doch eher in den instrumentalen Passagen, als die Solos ein wenig schmutzig, ein wenig räudig, ein wenig ruchlos jaulten, als Steve Winwood - wie bei Jimi Hendrix' epochalen "Voodoo Chile" - in den Eingeweiden der Orgel wühlte und Eric Clapton im Saiten-Gedärm der E-Gitarre. Da wird das Innerste der Musik über eine Viertelstunde lang in drei Steigerungsschüben herausgekratzt: Die Orgel flennt und jammert, die Gitarre schreit und beißt.
Musikalische Ekstasen ohne Grimassen und Gliederzucken
Zwei soignierte Herren führen vor, dass musikalische Ekstasen, dass Schmerz und Wollust auch ohne Grimassen und Gliederzuckungen möglich sind. Das saß und griff den Hörer an.
Gewiss, eine historische Sternstunde war die Münchner Sommernacht nicht, dazu kam sie ein paar Jahrzehnte zu spät, dazu war sie - mit ihren Hits - auch ein wenig zu nostalgisch angehaucht. Aber sie reanimierte überrollend jene revolutionären Kräfte, die einst der Musikgeschichte ein neues Genre bescherten. So wurde der Gig zumindest zu einer wertvollen dokumentarischen Sternstunde. Von Rüdiger Heinze
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