Wie einen geklauten Picasso werden verbotene Reptilien manchmal im Keller versteckt. Fliegen die Besitzer auf, finden die obdachlosen Echsen in München ein neues Zuhause. Von Yvonne Salvamoser



Obdachlose Echsen finden in München ein neues Zuhause: In der Auffangstation für Reptilien am Englischen Garten. Tierarzt Markus Baur leitet die Station.
Eugenie hat Baur nach einer alten Dame benannt. Der Gesichtsausdruck der Geierschildkröte habe ihn sofort an den der Altenheimbewohnerin erinnert. Und der Name passt. Nicht nur weil die wuchtige Schildkröte mit dem klobigen Kopf vermutlich schon an die 60 Jahre alt, sondern weil sie die "alte Dame" der Münchner Reptilienauffangstation ist. Vor 15 Jahren haben Tierschützer die Geierschildkröte in einem viel zu engen Viehtrog entdeckt und das der damals neu gegründeten Station gemeldet. Seitdem lebt Eugenie dort, im Tierheim speziell für Reptilien. In der Einrichtung, die sich hauptsächlich aus Spenden und Zuschüssen vom Freistaat finanziert, leben durchschnittlich 800 bis 1000 Tiere.
Die betagte Geierschildkröte hat viele Bewohner kommen und gehen sehen - vor allem etliche Artgenossen, von der Gelbwangenschildkröte bis zur porzellanweißen, chinesischen Weichschildkröte. Knapp die Hälfte der Tiere in der Reptilienauffangstation sind Schildkröten. In einer Netzvoliere gleich in der Nähe von Eugenies Wasserbecken im Garten der Einrichtung, staksen Chamäleons über Ficus-Zweige. In den insgesamt sechs Tierräumen im Gebäude rasseln Klapperschlangen, schlängeln sich giftige Hornottern, schwimmen Alligatoren. Im hellen Sand ihrer Gehege, die bis unter die Decken reichen, liegen Eidechsen, Warane, Geckos und in letzter Zeit immer mehr australische Bartagamen. "Die sind gerade in", sagt Baur. Die leguanartigen, stacheligen Echsen gelten als Einsteigertiere für Terraristikneulinge.
Der Eingangsbereich wird manchmal zur Baby-Klappe
Nicht immer allerdings kommen die Halter mit ihren exotischen Haustieren zurecht. Um die 20 Prozent der Bewohner, die das Team aus haupt- und ehrenamtlichen Veterinären, Tierpflegern und Studenten betreut, werden abgegeben. Die Gründe? Die Arztkosten und die aufwendige Haltung sind zu teuer. Die Wohnung ist zu klein, das Tier zu groß. Ohne es zu bemerken, flog ein Gecko im Reisegepäck mit zurück nach Hause. Das Reptil verträgt sich nicht mit seinen Artgenossen oder die neue Freundin des Besitzers findet dessen Hobby "doof".
Es kommt vor, dass der Eingangsbereich zur Station als "Reptilien-Klappe" missbraucht wird. Einmal fand Baur dort zwei Obstkisten - gefüllt mit Schildkröten, ein anderes Mal Brillenkaimanbabys in einer Papiertüte.
Andere Bewohner wurden zuvor von der Feuerwehr einfangen oder vom Zoll beschlagnahmt. Und manchmal werden die Tiere den Haltern abgenommen, weil diese sie vernachlässigen - oder weil sie sie gar nicht besitzen dürfen. Riesenschlangen, große Echsen und Warane - als gefährlich eingestufte Reptilien sind in Bayern verboten. Heimlich hielten die Besitzer die Tiere, sagt Baur. Für sie seien sie eben "wie ein geklauter Picasso im Keller".
Langzeitbewohner bevölkern die Gehege
Während manche Tiere, wie die beliebten Strahlenschildkröten, kaum eingezogen, schon wieder vermittelt werden können, sind solche Bewohner wegen des Besitzverbots oft Dauergäste. Nur wenige Reptilienhalter verfügen über eine Ausnahmegenehmigung. Und für die meisten Zoos sind diese Reptilien uninteressant, weil die Tiergärten schon genügend ihrer Art besitzen oder sie nicht in deren Konzept passen.
Auch Geierschildkröte Eugenie wird in Bayern als gefährlich eingestuft und wie diverse Giftschlangen, Schnappschildkröten und Nilkrokodile in der Münchner Reptilienstation deshalb wohl ihr restliches Leben verbringen. Auch wenn Tierarzt Baur Eugenie ins Herz geschlossen hat, weiß er um die Problematik seiner Langzeitbewohner: Sie blockieren die oft ohnehin schon knappen Gehege - Eugenie, die alte Dame, bestimmt noch die nächsten 40 Jahre. Sie kann nämlich über 100 Jahre alt werden. Yvonne Salvamoser
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