Natürlich führt am Urmel kein Weg vorbei, wenn man Max Kruse zu seinem heutigen 90. Geburtstag würdigen möchte. Denn der Schriftsteller hat zwar über 50 Bücher geschrieben – für kleinere und größere Kinder, einige auch für Erwachsene –, im Bewusstsein vieler Menschen ist er aber vor allem wegen seiner elf „Urmel“-Bände, die mittlerweile die dritte Generation von Kindern belustigen.
Lange bevor Hollywoods Monsterdinos das Kino bevölkerten eroberte Kruses Geschöpf mit dem liebenswerten Sprachfehler Ende der 60er Jahre die Herzen der Kinder. Großen Anteil an diesem Erfolg hatte jedoch, das gibt Kruse selbst immer zu, die Augsburger Puppenkiste. Schon bei seinem ersten Kinderbuch „Der Löwe ist los“ erwies sich die Zusammenarbeit mit der Bühne als kongenial. Regisseur Manfred Jenning war es auch, der Kruse ermunterte, doch noch einmal eine Geschichte mit „irgendeinem Tier“ zu schreiben. Die Idee zum Urzeitwesen, das aus einem tiefgefrorenen Ei in die Gegenwart schlüpft, kam dem Autor dann beim Gedanken an seine gerade erworbene Tiefkühltruhe.
So viel Freude das lustige Urmel verbreitet, sein Schöpfer verbindet damit immer auch den „größten Schmerz“ seines Lebens, den Tod seines 15-jährigen Sohnes Stefan, der vor der Haustüre mit seinem Fahrrad verunglückte. Die Arbeit am ersten Urmel-Buch „gab mir die Möglichkeit, am Leben zu bleiben“.
Geboren wurde Max Kruse 1921 im thüringischen Bad Kösen als Kind berühmter Eltern: Sein Vater gleichen Namens war Bildhauer und Maler, seine Mutter die Puppenkünstlerin Käthe Kruse. Sie war Dreh- und Angelpunkt seiner ersten beiden Lebensjahrzehnte, er ihr „geliebter Herzensmaxl“. Wie seine Kindheit und Jugend im Schatten der großen Käthe Kruse und neben sechs älteren Geschwistern verlief, beschreibt Max Kruse in seiner lesenswerten dreiteiligen Autobiografie, die unter dem Titel „Im Wandel der Zeit“ gerade neu erschienen ist (Tienemann Verlag).
Schriftsteller zu werden war von Kindheit an der Traum Max Kruses. Bücher öffneten dem kränkelnden Kind „das Tor zur Welt“. Dennoch stellte er zunächst die Neigung hintan und fügte sich in die Pflicht, die Geschäfte seiner Mutter zu führen. Nach dem Krieg baute er die in der Sowjetzone enteignete Puppenfabrik in Bad Pyrmont, später dann in Donauwörth auf. Erst 1958 übergab er die Firma an eine seiner Schwestern und wandte sich der Schriftstellerei zu. „Schreiben ist für mich wie Atmen“, betont er immer wieder und es hilft ihm, der sich selbst als „gedämpft pessimistischen Menschen“ einschätzt, auch über wiederkehrende Phasen der Melancholie und Depression hinweg.
Er sitzt noch täglich am Computer und schreibt
Seit mehr als vier Jahrzehnten lebt Max Kruse mit seiner zweiten Frau, der chinesischen Musikerin und Malerin Shaofang, bei Penzberg. Auch mit 90 Jahren sitzt er täglich am Computer und schreibt. Mehr denn je liegt ihm am Herzen, dass der Mensch endlich mit der Natur im Einklang und mit seinen Mitmenschen in Frieden zu leben lernt. Wer wissen will, wie er sich seine Aufgeschlossenheit und geistige Wachheit bewahrt hat, dem antwortet der Schriftsteller mit fast den gleichen Worten, mit denen er einmal das Urmel charakterisiert hat: „Bleiben Sie neugierig, wenden Sie sich den Menschen zu und lieben Sie das Leben.“