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10. März 2010 09:45 Uhr

Nachrichten, Tod und Trauer

Uwe Zimmer: Vom Chefredakteur zum Grabredner

Es ist eine außergewöhnliche Karriere: Der Journalist Uwe Zimmer war zuletzt Chefredakteur bei einer Münchner Boulevardzeitung. Jetzt arbeitet der 65-Jährige als Grabredner. Von Daniel Wirsching

Uwe Zimmer ist Trauerredner. Bild: Schöllhorn

Uwe Zimmer macht einen Schritt ins Dämmerlicht der Aussegnungshalle, macht noch einen Schritt und noch einen. Uwe Zimmer läuft geradewegs zu einem Stehpult, seinem Arbeitsplatz für die nächsten 15 Minuten. 150, vielleicht 200 Trauergäste folgen ihm mit ihren Blicken, beobachten, wie er sich auf halbem Weg vor einem gerahmten Foto des Verstorbenen verneigt und ans Stehpult tritt. Sie werden ihre Blicke nicht von ihm abwenden in den nächsten 15 Minuten, als seien ihre Köpfe fixiert. Auf ihn, den Trauerredner.

Sie werden hören, aufmerksam zuhören, was dieser Unbekannte über jenen Menschen zu sagen hat, den sie kannten - oder dachten zu kennen - und dessen Urne an diesem Tag bestattet wird. Hinter einer Marmorplatte in einer Urnenwand des Fürstenfeldbrucker Waldfriedhofs. Manche werden glauben, ihren Ohren nicht zu trauen.

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"Sehr geehrte Angehörige, liebe Freunde des Verstorbenen, verehrte Trauergemeinde." Uwe Zimmers Stimme ist klar. Sie trägt seine Worte, gut verständlich, selbst zu den hinteren Plätzen der Aussegnungshalle, aus deren Klinkersteinwänden im immer gleichen Abstand einzelne Steine herausragen. Sie formen Kreuze. Nur wer genau hinblickt, bemerkt sie. Wer sie bemerkt, erinnert sich an sie. Zimmer spricht, ohne einzelne Wörter zu betonen, und doch nicht eintönig. Zwei Sätze werden den sehr geehrten Angehörigen, den lieben Freunden des Verstorbenen, der verehrten Trauergemeinde in Erinnerung bleiben. Sie ragen aus den biografischen Details - Geburt, Werdegang, Tod - heraus. Der eine: Der Verstorbene sei "Nachkriegsunternehmer durch und durch" gewesen. "Nachkriegsunternehmer durch und durch", wiederholt der promovierte Sprachwissenschaftler, der die Geschichte eines gesamten Lebens zu vier Wörtern verdichtet hat wie in einer Überschrift.

Überschriften waren sein Leben, eine seiner ersten verfasste er als Schüler für sein Heimatblatt, die Siegener Zeitung: "Jetzt hat Littfeld auch einen Sonnenkönig." - Ein Artikel über einen Schützenkönig. Uwe Zimmer, der heute in der Nähe von Aichach wohnt, arbeitete als Journalist für Spiegel und Stern, später, von 1988 bis 2001, als Chefredakteur für die Münchner Abendzeitung. Zuletzt leitete er in Bielefeld die Neue Westfälische. Im September 2009 verabschiedete er sich mit 65 Jahren in den Ruhestand, im Oktober hielt er seine erste Trauerrede. "Der Tod ist für Journalisten Alltag", sagt er. "Da fällt ein Jumbo runter und Sie sitzen in der Redaktionskonferenz und fragen sich: Hätte der nicht morgen runterfallen können, da hätte es besser gepasst. In diesem Beruf muss man aufpassen, nicht zynisch zu werden."

Zynisch geworden

Zynisch sei er nicht geworden, dafür in gewisser Weise abgebrüht. "Was wollen Sie denn sonst machen?" Zimmer, der leise Trauerredner, ist lauter geworden. In solchen Momenten scheint der Chefredakteur in ihm auf, so muss er geklungen haben, wenn er seinen Redakteuren Anweisungen gab: klar und bestimmt. Bestimmend und doch nicht im Befehlston. Zimmer spricht von seiner Zeit als Polizeireporter bei der Bild-Zeitung. Er habe kein Blut sehen können. Wenn er seinen Job erledigte, sei es allerdings gegangen. Ähnlich sei es mit seiner neuen Beschäftigung als Trauerredner. Und schließlich trauere er ja nicht mit.

Uwe Zimmer am Stehpult im Dämmerlicht der Aussegnungshalle. Er ist auf Blatt vier seines achtseitigen Redemanuskripts angekommen, bei dem Satz: "Die Haut wächst nach, Leder nicht." Der Mann, dessen Urne an diesem Tag bestattet wird, sagte das zu seinem damals zehnjährigen Sohn, als der ihm half, Betonteile auf Paletten zu schichten. Der Sohn hatte sich die Lederhandschuhe durchgewetzt, die er zum Schutz seiner Finger trug, und um ein anderes Paar gebeten. Einige Trauergäste atmen hörbar aus.

Uwe Zimmer will "bürgerliche Heldengeschichten" in seinen Trauerreden erzählen, dennoch nichts beschönigen. In den Gesprächen, die er mit Hinterbliebenen führt, um sich vorzubereiten, bittet er: "Sagen Sie mir die Wahrheit." Über den toten Vater, die tote Mutter. Manchmal haben die Hinterbliebenen etwas notiert, manchmal sind sie, von ihrer Trauer überwältigt, sprachlos. Manchmal sagen sie Sätze wie: "Ich kenne meinen Vater nicht." Die bleiben Uwe Zimmer in Erinnerung...

Lesen Sie weiter, wie die ehemaligen Journalisten-Kollegen auf Zimmers neuen Job reagieren.

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