Erstmals kann jeder Ahnenforscher per Internet auf die Personalakten von 1,4 Millionen bayerischen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg zugreifen. Der Start ist am Mittwoch. Von Nadine Pflaum

Gustav Schickedanz war ein braver Soldat. Das sagt zumindest seine Akte. "Sehr gut" vermerkt sie in der Kategorie "Führung". Mit 20 war er im Ersten Weltkrieg an der Westfront in Frankreich stationiert, hat Gefechte in Hoéville, Serres und Réméréville östlich von Nancy durchgestanden.
Diese persönlichen Informationen über die Militärlaufbahn des Quelle-Gründers aus Fürth waren bislang wohl allenfalls seiner Familie bekannt. Das ändert sich nun: Ab Mittwoch, 11. November, kann jeder Abonnent des Ahnenforschungsportals Ancestry.de darauf zugreifen. Denn derzeit werden in Kooperation mit dem Bayerischen Staatsarchiv rund 23.000 gedruckte Bände sogenannter Kriegsstammrollen digitalisiert. Das sind Personalakten von 1,4 Millionen bayerischen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, die Namen, Alter, Familienstand, Armee-Einheit und vieles mehr enthalten.
Bislang waren die zerfledderten und vergilbten Werke nur demjenigen zugänglich, der den Weg ins Kriegsarchiv des Bayerischen Hauptstaatsarchivs nach München fand. Und dort stundenlang wühlte und stöberte. "Allerdings musste man die militärische Einheit des Uropas kennen", erläutert Lothar Saupe, Leiter des Kriegsarchivs.
Denn die Stammrollen sind militärisch gegliedert nach Oberkommando, Regiment und Kompanie. Eine direkte Suche nach Namen war nicht möglich und ein Lottogewinn realistischer, als den Namen des Urgroßvaters zu finden. Alle etwa 23.000 Bände aufeinandergestapelt würden einen 600 Meter hohen Turm bilden.
Und dieser Aktenberg wird nun Seite für Seite digitalisiert. Klick. Umblättern. Klick. Umblättern, Einlegeblatt auffalten. Klick: So sieht ein normaler Arbeitstag von Rasmus Neikes und seinem Team aus. Da die Personalbücher in einem schlechten Zustand sind und jede Menge zusätzliche Faltblätter enthalten, ist Scannen unmöglich. "Wir fotografieren jede einzelne Seite ab", sagt der Ancestry-Mitarbeiter. Dazu ist über einem Arbeitstisch eine Kamera montiert, ausgelöst wird direkt am Laptop.
Beim Akkordknipsen schaffen drei Mitarbeiter etwa 13.000 Aufnahmen am Tag. "Man muss schon geduldig sein", räumt eine Kollegin ein, während sie nebenher durch die Seite mit der alten Sütterlin-Schrift blättert und weiter fotografiert.
Neben einem Foto einer jeden Seite wird künftig auch die "Übersetzung" in die lateinische Schrift zur Verfügung stehen. Experten haben die krakeligen und teils verwischten Sütterlin-Einträge entziffert. Am 11. November, dem 91. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs, gehen die ersten 4500 Bände online, die restlichen folgen nach und nach. Ein Datenschutzproblem stellt das nicht dar. Zehn Jahre nach dem Tod erlöschen die Personensperrfristen.
"Für Familienforscher sind die Soldatenakten von unschätzbarem Wert", sagt Nikolai Donitzky von Ancestry. "Der größte Teil der damaligen bayerischen Bevölkerung ist in den Büchern erfasst." Bislang gab es Informationen über Kriegsgefangene und -tote vor allem beim Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge. Daten über Ost-Gefangene erhielten Familienforscher über die Datenbank des Roten Kreuzes.
Nun kommt die Genealogie, die Ahnenforschung, aber immer mehr in Mode. "Wir erhalten Anfragen von vielen jungen Leuten, die die Geschichte ihrer Familie erforschen wollen", so Kriegsarchiv-Chef Saupe. Mitunter reisen sogar Australier und Amerikaner mit deutschen Wurzeln an, um in München zu recherchieren. Im Internet boomt das Thema. Auf verschiedenen Portalen können Familienforscher Stammbäume erstellen, Bilder ihrer Ahnen hochladen oder sich in Foren gegenseitig Tipps geben.
In den USA ist die Ahnenforschung bereits ein weitverbreitetes Hobby, weiß Nikolai Donitzky. Statt über Rezepte beim Kaffeekränzchen wird dort über Stammbäume und Urkunden diskutiert. Donitzky glaubt, dass diese Welle auch nach Deutschland schwappt. Schließlich lebt Ancestry vom Interesse zahlungswilliger Familienforscher an der Vergangenheit.
Neben den eigenen Ahnen findet der Hobbyforscher auch jede Menge bekannter Namen in den Akten. So diente ein Verwandter von Kaiserin "Sisi", Prinz Franz Maria Luitpold, bei der vierten bayerischen Infanterie-Brigade. Der Urgroßonkel des neuen Bundesverteidigungsministers, Maximilian Freiherr von und zu Guttenberg, war im ersten Ulanenregiment. Ob er allerdings ein braver Soldat war, darüber schweigt sich seine Akte aus. (Nadine Pflaum)
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