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16. Januar 2012 10:55 Uhr

Bluttat von Krailling

Zwei nicht verheilte Narben

Krailling hat nach dem Mord an den Schwestern Sharon und Chiara nur langsam zur Normalität gefunden. Am Dienstag beginnt der Prozess gegen den Onkel. Das wird alte Wunden aufreißen.

Die Särge der beiden ermordeten Geschwister Sharon (11, links) und Chiara (8) stehenin München nach einer Trauerfeier in der Trauerhalle.
Foto: dpa

Erst im Oktober haben Kinder im Pausenhof der Kraillinger Grundschule zwei kleine Birnbäume gepflanzt. Zettel mit den Namen und bunte Bildchen flattern in den Zweigen. Die Mitschülerinnen Sharon (11) und Chiara (8) sollen nicht vergessen werden. Die Erinnerung an die grausame Mordtat an den beiden Schwestern in der Nacht zum 24. März 2011 ist frisch.

Der kleine Ort südwestlich von München hat nur langsam zur Normalität zurückgefunden. Und nun beginnt am Dienstag in München der Prozess gegen Thomas S. (50). In Krailling blickt man der aufsehenerregenden Verhandlung mit gemischten Gefühlen entgegen.

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Einerseits soll der Prozess für Klarheit sorgen. „Ich hoffe, dass die Indizien ausreichen, um denjenigen, der es getan hat, seiner gerechten Strafe zuzuführen“, sagt die Bürgermeisterin Christine Borst. Andererseits fürchtet man, dass sich die Aufmerksamkeit der Medien wieder auf Krailling richtet und die mühsam erlangte Ruhe gestört wird.

Mit einer Hantelstange, einem Messer und einem Strick

Der Postbote Thomas S. aus Peißenberg soll sich nachts in die unversperrte Wohnung der Schwägerin geschlichen und seine Nichten mit einer Hantelstange, einem Messer und einem Strick ermordet haben. Die Mutter der Kinder half zu dieser Zeit in der Musikkneipe „Schabernack“ ihres Lebensgefährten, nur 100 Meter vom Wohnhaus entfernt. Als sie am frühen Morgen heimkam, fand sie ihre grausam zugerichteten Töchter.

Die Ermittler tappten zunächst im Dunkeln. In Krailling herrschte Entsetzen und Angst. DNA-Spuren am Tatort brachten dann den Erfolg. Sie stimmten überein mit einer Speichelprobe von Thomas S. Eine Woche nach der Tat wird er zu Hause festgenommen. S. hat selbst vier Kinder. Sie spielten gerade mit Nachbarkindern, als der Vater verhaftet wurde.

Die Staatsanwaltschaft geht von  Habgier und Heimtücke als Motiv aus. Thomas S. soll in finanziellen Schwierigkeiten gesteckt sein. Das Haus in Peißenberg konnte erst nach einem Spendenaufruf der Gemeinde fertiggebaut werden. Womöglich spekulierte S. auf das Erbe. Auch ist zu hören, dass es immer wieder Streit um den Verkauf einer gemeinsamen Eigentumswohnung gegeben haben soll. Den Ermittlungen zufolge bat der Postbote seine Schwägerin, die Mutter von Chiara und Sharon, Anteile an der gemeinsamen Wohnung auszuzahlen. Als dies nicht passierte und sich die Lage zuspitzte, soll er den Mordplan gefasst haben. Denn seine Frau wäre Erbin gewesen. Wie Oberstaatsanwältin Andrea Titz sagt, wollte Thomas S. erst die beiden Mädchen und dann die Mutter umbringen. „Wir gehen davon aus, dass er erwartet hat, die Mutter im Laufe des Abends noch anzutreffen“, sagt sie.

Thomas S. schweigt

Der Mann, der all dies aufklären könnte, schweigt. Zu Beginn der Vernehmungen hat Thomas S. die Tat bestritten. Seitdem äußert er sich nicht mehr. Auch sein Pflichtverteidiger will vor dem Prozess nichts sagen. Es steht also ein spektakulärer Indizienprozess bevor. Oberstaatsanwältin Titz spricht von einer „Fülle von Indizien“, die die Version der Anklage stützen. Bisher sind 13 Prozesstage bis zum 27. März angesetzt. Die Staatsanwaltschaft hat neben zahlreichen weiteren Beweismitteln 63 Zeugen und 9 Sachverständige benannt, darunter auch einen Mithäftling, dem S. im Gefängnis Stadelheim von der Tat erzählt haben soll. Die Verhandlung am Landgericht München II führt der Vorsitzende Richter Ralph Alt. Er hat im Frühjahr 2011 den Nazi-Helfer John Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord an 28 060 KZ-Häftlingen verurteilt.

Wie auch immer der Prozess enden wird, seine Familie hat Thomas S. schon verloren. Die Frau wendete sich nach der Verhaftung von ihm ab. In einem Interview sagte sie, dass sie ihn für den Täter halte. Die beiden sind inzwischen geschieden.

Die Mutter von Sharon und Chiara und ihr Freund haben sich nach der Bluttat völlig zurückgezogen. Freunde und Bekannte betreiben vorerst die gut gehende Musikkneipe weiter. Die Mutter, die auch als Nebenklägerin auftritt, muss wahrscheinlich als Zeugin im Prozess aussagen. Mindestens einmal wird sie also dem mutmaßlichen Mörder ihrer beiden Mädchen gegenübertreten müssen.

Und Krailling trauert immer noch. Am Grab von Sharon und Chiara liegt ein Stein, auf dem in Kinderschrift geschrieben steht: „Komm zurück Sharon“. mit dpa

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Schlagworte

Bluttat | Doppelmord | Krailling



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