„Kraft ist Masse mal Beschleunigung“ - dieses Prinzip sollte man beim Knobelspiel Portal 2 von Publisher Electronic Arts immer im Hinterkopf behalten. Eine unendliche Zeit im Hyper-Schlaf liegt da schon hinter mir. Die ganze Testanlage des riesigen unterirdischen Aperture Wissenschaftskomplexes ist mittlerweile heruntergekommen und sieht verlassen aus. Irgendwas ist passiert, was so nicht passieren sollte. Es sind weitaus mehr als 50 Tage gewesen, die ich im Hyper-Schlaf verbracht habe. Doch nun muss ich mit dieser Situation zurechtkommen und einfach ein Rätsel nach dem anderen lösen, um mir den Weg an die Oberfläche zu bahnen.
Mit der Portalkanone durchs Test-Labyrinth
Willkommen also in den Testkammern von Aperture. Schnell die Portalkanone noch umgeschnallt und los geht es. 60 Levels hat man nun Zeit, sich sein kleines Hirn zu zermartern, wie man denn in den einzelnen Aufgaben zum Ausgang kommt. Zwar ist es am Anfang - noch ohne Portalkanone - leicht, zum Erfolg zu kommen. Je weiter man jedoch in das Wissenschafts-Labyrinth vordringt, umso schwieriger wird es, das ersehnte Ziel zu finden. Hartnäckigkeit zählt sich also aus. Wer nicht beständig knobelt, bis sein Hirn schon langsam anfängt zu qualmen, der wird mit zunehmender Spieldauer vor große Probleme gestellt werden.
Hervorragende Kombinationslogik ist wichtig
Zu Beginn schießt man noch hier und da ein Portal in die Wand, ein anderes Portal in eine anderen Wand - schwups, schon hat man wieder einen unüberwindbar geglaubten Säuresee hinter sich gebracht. Mit ansteigendem Level wird es entscheidend, richtig um die Ecke zu denken. Ein Beispiel: Die Entfernung ist zu weit. Kein Problem. Es gibt schließlich oranges Gel, das wie ein Beschleunigungsstreifen wirkt. Portal an der richtigen Stelle gesetzt und schon schwappt das Gel am gewünschten Ort über den Boden. Doch was jetzt? Man fliegt zwar viel weiter, aber der benötigte Steg zum Ausgang ist immer noch meterweit entfernt. Ah, da gibt es noch das blaue Gel, das die Eigenschaften eines Trampolins hat. Schnell ein Portal gesetzt, schon spritzt das Gel nach oben an die Decke. Dort bleibt es genüsslich kleben. Und weiter geht der verwegene Plan: Jetzt muss man nur noch einen Würfel finden, ihn auf die dazugehörige Bodenplatte setzen, damit sich die mit Gel bedeckte blaue Fläche um 180 Grad dreht. Schon ist die Sprungschanze zum Ausgang fertig. Man rennt über den Beschleunigungsstreifen los, fliegt durch die Luft, landet auf dem Jump-Gel und schon wird man auf den Steg Richtung Ausgang katapultiert. Hervorragend! Alles kapiert? Ganz einfach oder? Wahrscheinlich eher nicht...
Einfaches Spiel-Prinzip - grandios umgesetzt
KrGenau dieses simple Spielprinzip macht den Reiz von „Portal 2“ aus. Es verzückt ohne große Spezialeffekte. Die Komplexität der Rätsel ist beeindruckend. Der Spieler sitzt total fokussiert vor dem Bildschirm. Die Anstrengung, die kniffligen Aufgaben zu lösen, ist wirklich enorm. Die Freude darüber, wenn man mal wieder ein Level geschafft hat, ist allerdings noch größer. So wird „Portal 2“ besonders im ersten Durchgang nie langweilig - auch wenn der Mittelteil etwas langatmig geraten ist. Es zeigt, dass nicht immer Krawall nötig ist, um einen Spieler bei der Stange zu halten. Aber das machte ja bereits das Spiel aller Spiele "Tetris" vor, dass weniger manchmal mehr ist...
Mit Humor punkten
Da die Hauptdarstellerin in „Portal 2“ kein Wort sagt, könnte man meinen, dass dies auch bald sehr steif wird. Nur Level an Level geknüpft - ohne jegliche Interaktion. Diese drohende Schwäche haben die Entwickler gekonnt umschifft. Denn sowohl Wheatley, eine kleine Computerkugel, die uns den Ausgang aus dem Test-Labor zeigen will, als auch GlaDOS, der Computer, der uns die Testaufgaben stellt, sprühen nur so vor Humor. Die Sprüche, die die Beiden immer wieder von sich geben und damit die Hauptdarstellerin necken, sind so witzig, dass man sich ein Schmunzeln nicht verkneifen kann. Das ist wirklich eine Meisterleistung der Programmierer, die mit viel Gespür einem an sich trockenen Thema Leben einhauchen.
Koop-Modus für noch mehr Spielspaß
Das Entwicklungsteam Valve hat in „Portal 2“ zusätzlich zum großzügig gestalteten Single-Modus noch ein Team-Play bereitgestellt. Als P-Body und Atlas kann man sich im Duett reizvollen Aufgaben stellen. Doch Vorsicht: Bei der Qualität der gestellten Rätsel hat Valve im Vergleich zum Single-Player nochmal ein Schippchen draufgelegt. Interessant dabei ist, dass die Entwickler bei PlayStation-Versionen einen Steam-Zugang geschaltet haben, der eine Online-Kooperation mit PC-Spielern zulässt. Das ist wirklich hervorragende Lösung, noch mehr Spieler auf der Welt zu vernetzen.
Fazit:
„Portal 2“ ist ein Lichtblick in einer Spielewelt, die von ideenlosen Ego-Shootern dominiert wird. Die Denkkraft, die man für das Knobelspiel aufwenden muss, ist gigantisch. Es spornt an, sich den kniffligen Aufgaben zu stellen, auch wenn manchmal das Frust-Potential sehr ansteigen kann. Zu verquer sind zum Teil die Rätsel, um sie mit Links zu packen (Beispiel siehe oben). Doch wer wünscht sich schon ein Geschicklichkeitsspiel, das sich im Vorbeigehen lösen lässt?
Wer ein großer Tüftler ist, der wird „Portal 2“ lieben. 60 Level, die sich in ihrer Schwierigkeit immer mehr steigern, sind eine eindrucksvolle Ansage, die Entwickler Valve dem Spieler präsentiert. Zehn Stunden Spielspaß sind selbst für Knoblefüchse kein Problem. Wer weniger trainiert im Portal-Setzen ist, der dürfte auch noch einige Zeit länger brauchen...
Der einzige Makel, den „Portal 2“ vielleicht hat, ist, dass ein Rätsel, das einmal gelöst wurde, an Attraktivität verliert. Hat man das Spiel also einmal durchgespielt, dürfte das Interesse daran schnell vorbei sein. Valve schiebt dieser drohenden Langeweile doch ab Sommer einen Riegel vor. Denn da soll bereits der erste Erweiterungspack über einen Online-Download zur Verfügung stehen.
„Portal 2“ ist also eine gute Investition in die Zukunft, wenn man sich eine Auszeit vom Überangebot der Ego-Shooter nehmen möchte. Spielspaß garantiert...auch zu zweit! Schade ist nur, dass "Portal 2" auf der PlayStation noch nicht mit dem Move-Controller gespielt werden kann.