Finnland, unbefestigte Straße, links wie rechts mit Bäumen gesäumt - der Gasfuß ist bis zum Anschlag durchgedrückt. Es geht um jede Sekunde, die ich auf der schwierigen Schotterpiste im Kampf um meinen Ruf herauskitzeln muss. Dass dieser Husarenritt in „Dirt 3“ volle Konzentration erfordert, versteht sich von selbst.
Denn es ist alles andere als einfach, den Rennboliden mit dem etwas schwammigen PlayStation-Controller auf der Strecke zu halten. Zu sensibel reagiert das Auto auf kleinste Lenkbewegungen. Rallye-Enthusiasten sollten sich daher ein Lenkrad zulegen, um erstklassige Runs aufs Parkett zu legen.
Etwas mehr Übung, dann klappt der Ritt auf der Kanonenkugel auch mit dem Stick. Vom Abflug ins Gebüsch ist man jedoch oft nur einen Millimeter entfernt. Auch deshalb macht der Wettkampf gegen die Zeit von Versuch zu Versuch mehr Spaß, denn schon nach ein paar Wertungsprüfungen wächst das Gefühl im Daumen. Zur Sicherheit hat der Entwickler in „Dirt 3“ die Möglichkeit einer sofortigen Wiederholung eingebaut, wie es auch aus „Grid“ oder „Forza Motorsport“ bekannt ist. Doch Vorsicht: Diese Möglichkeit ist auf sechs Versuche begrenzt. Ein überlegter Einsatz ist also nötig, will man den Verlust der Spitzenposition in der letzten Kurve vermeiden.
Alte Bekannte
Bei den Autos, die der Spieler in „Dirt 3“ über die Piste jagen kann, hat sich Codemasters richtig ins Zeug gelegt. Viele klassische Rallye-Fahrzeuge - wie Walter Röhrls Audi Quattro S1 oder der Lancia Delta Integrale - sind am Start. Auch ein Opel Kadett, ein original Morris Mini oder ein Fiat Abarth stehen für den Rallye-Fan zur Verfügung. Zudem haben die Entwickler Pick-Up-Monster für Landrush-Events eingebettet. Vielfalt und Abwechslung mit alten Bekannten machen sehr viel Spaß und lassen Rallye-Herzen höher Schlagen.
Der Kampf gegen die Elemente
Mal regnet es, dann prügelt die Sonne wieder gnadenlosen herunter und blendet. Kurz darauf ist es düstere Nacht. Eis und Schnee. Sand und Schlamm. Asphalt, dann wieder Schotter. Ganz wie bei der richtigen Rallye-Weltmeisterschaft muss auch der „Dirt“-Fahrer mit den unterschiedlichsten Gegebenheiten zurecht kommen. Wie verhält sich ein Fahrzeug auf Schotter? Wie verhält es sich auf Schnee und Eis? All das muss der Pilot berücksichtigen, will er tatsächlich mit der schnellsten Zeit zwischen den roten Zielpunkten hindurch rauschen.
Zeig deine besten Moves auf Youtube
Web 2.0 hat auch bei „Dirt 3“ Einzug gehalten. Jede Aktion, die man in einem Rennen vollbringt, wird sofort aufgezeichnet. Ein spektakulärer Stunt: Stopp und rauf damit auf Youtube. Ist der gesamte Run derart spannend; kein Problem, auch er lässt sich auf das Videoportal hochladen. Die Community wird sicherlich von diesem Gimmick begeistert sein. Der ein oder andere Hinweis auf dieses Feature hätte sich der Kommentator jedoch sparen können. Denn er weist derart oft auf die Verlinkung hin, dass es schon reichlich penetrant ist. Bedauerlich ist zudem, dass die Videos nur im Netz auf Youtube gespeichert werden können. Eine private Speicherungen der Videos oder Screenshots von coolen Moves sind jedoch aus unerfindlichen Gründen nicht möglich.
Gymkhana! Kennt doch jeder...oder???
Der US-Amerikaner Ken Block ist ein bekannter Rallye-Fahrer. Zudem ist er Gründer des Bekleidungslabels DC Shoes. Auf der Video-Plattform Youtube hat der Rallye-Spezialist mit beeindruckenden Drift-Videos auf sich aufmerksam gemacht und damit eine große Fan-Szene für sich gewonnen. Den außergewöhnlichen Sport taufte man schließlich „Gymkhana“. In „Dirt 3“, das in großem Maße von DC gesponsert wird, nimmt diese Art des Rallyes einen großen Bestandteil ein. Die erste Berührung mit diesem ungewöhnlichen Event ist eine Einführung in die verschiedenen Variationen des Gymkhana. Mit Hilfe der Fahrschule lernt man schnell die Hohe Kunst des Donuts - das Auto vollführt eine 360-Grad-Kreisel um ein Objekt. Auch 360-Grad-Spins sind im Programm von Ken Block enthalten. Alles in allem eine witzige Angelegenheit, die das Rallye-Spiel aufwertet. Die Variation dieser Disziplinen ist allerdings stark begrenzt, weshalb gerade der Übungsplatz (Parkinglot) mit der Zeit sehr anstrengend wird. Allein auf der ersten Stufe sind 23 Herausforderungen zu schaffen. Insgesamt sind es sogar 80...zweiflesohne für den Durchschnittsfahrer ermüdend.
Schaden oder kein Schaden...das ist die Frage
„Dirt 3“ verfügt über ein ansehnliches Schadenmodell. Brettert man mit seinem Boliden zünftig gegen eine Baum, dann rappelt es richtig. Die Fenster zerspringen, die Stoßstange hängt entweder in Fetzen an der Karosserie oder verabschiedet sich sofort. Das Blech kann üble Beulen davontragen und die Türen können bei einem heftigen Einschlag gerne mal am Unfallort zurückbleiben. Doch diese herben Verluste müssen nicht zwangsläufig dazu beitragen, die Fahrphysik zu beeinträchtigen. Diese Realitätsnähe kann der unerfahrene Renn-Pilot dankenswerterweise ausschalten. Dieses Feature bietet einem also die Möglichkeit, selbst mit einem völlig zerbeulten Ford Focus RS mit Bestzeit ins Ziel ins Ziel zu schlittern. Das mag nicht jedem Enthusiasten gefallen. Den heißen Ritt durch die Prärie entspannt diese Einstellung jedoch ungemein.
Rennabstimmung für Arme
Technikfreaks werden bei "Dirt 3" allerdings enttäuscht. Kann man bei anderen Spielen wie „Gran Turismo“ nach Gutdünken am Setup werkeln, bis die letzten technischen Einstellungen derart an die eigene Fahrweise angepasst sind, um auch die letzten Millisekunden auf der Nordschleife für den Goldstatus herauszukitzeln, ist dieses Gimmick bei „Dirt 3“ wohlwollend formuliert sehr rudimentär. Lediglich fünf verschiedene Variationen in sechs Bereichen (Getriebeübersetzung, Abtrieb, Radaufhängung, Bodenfreiheit, Differenzial und Bremsbalance) lassen die Entwickler zu. Das ist wirklich mau und lädt nicht gerade zum Basteln ein. Schade, denn für viele Renn-Spezialisten ist gerade das Feintuning beim Setup der größte Spaß.
Mehrspielerbereich - fein, fein...
Für Mehrspieler-Action ist bei „Dirt 3“ wirklich gesorgt. Entweder lässt sich ein Splitscreen-Rennen am heimischen Fernseher veranstalten oder es geht online zur Sache. Das Positive: In allen Disziplinen aus der Karriere (auch das ominöse Gymkhana) lassen sich Wettkämpfe austragen. Eine feine Angelegenheit...solange jedenfalls das PlayStation Network funktioniert...
Fazit:
Die Rallye-Simulation „Dirt 3“ ist ein überaus ansehnliches Rennspiel geworden. Nur die Schwierigkeit, die Rennboliden mit einem Controller zu steuern, mindert den Gesamteindruck etwas. Es braucht schon sehr viel Zeit und vor allem einen ruhigen Daumen, um einen Gruppe-B-Wagen so gekonnt wie der Meister Walter Röhrl über den Parcour zu jagen. Wenn man hier wirklich mehr Ambitionen hegt, dann ist das Geld für ein Force-Feedback-Lenkrad auf jeden Fall gut angelegt.
Negativ sind auch die zum Teil endlos erscheinenden Ladezeiten. Aber: Auf den Konsolen muss man damit wohl mittlerweile leben - siehe das Paradebeispiel "Gran Turismo 5". Trotzdem: Zur Spielfreude trägt es nicht bei. Auch die Sprachausgabe (abwechselnde Frauen- und Männerstimme) hätte man sich getrost sparen können. Denn Die Sprüche, die die Beiden von sich geben, sind zum großen Teil überragender Nonsens. Einfach weglassen wäre hier sicherlich die bessere Alternative gewesen, als diese Billigversionen in das Spiel zu klatschen. Das hat die hervorragende Simulation nicht verdient.
Denn ansonsten gibt es bei „Dirt 3“ wenig zu mäkeln. Die Detailgenauigkeit (manchmal läuft kurz vor einem ein Zuschauer über die Strecke, oder man wird fotografiert) ist wirklich überragend. Es macht einfach Spaß, mit seinem Wagen über unbefestigte afrikanische Straßen zu heizen oder über Ski-Pisten in Aspen zu pflügen. Genau das ist es, was die Faszination Rallye-Sport ausmacht. Da erfreut es, dass es Codemasters gelungen ist, eine derart hervorragende Simulation auf die Beine zu stellen, auch wenn nach meinem Geschmack verschiedene Disziplinen (zum Beispiel Landrush) etwas weniger zur Geltung kommen dürften.