Auch die Fachpresse munkelte bereits lange vor Markteinführung, dass nun die Zeit des Machtwechsels an der Tablet-Front gekommen sein könnte. Denn das Motorola Xoom mauserte sich - als die ersten Daten bekannt wurden - zum unverhohlenen „iPad-Killer“. Die Vorfreude war also groß, endlich das lang ersehnte Gerät für einen ausführlichen Test in Händen zu halten.
Die Rahmenbedingungen:
Das Motorola Xoom wurde als erstes Tablet auf dem Markt mit dem Betriebssystem Android 3.0 (Honeycomb) von Google bestückt. Diese Version wurde speziell für den Gebrauch in einem Tablet entwickelt. Es soll durch mehr Schnelligkeit im Vergleich zum Betriebssystem iOS 4 von Apple glänzen. Dafür sorgt der Nvidia Tegra 2, ein Ein-Gigahertz-Prozessor mit zwei Kernen. Der Chip läuft mit einem Gigabyte Arbeitsspeicher. Zur Erinnerung: Das iPad muss mit 512 MB Arbeitsspeicher auskommen.
Bei den Abmessungen trügt der erste Blick. Hat man das Xoom in der Hand wirkt es kleiner als der Konkurrent aus Cupertino. Tatsächlich ist der Bildschirm des Motos knapp größer. 10,1 Zoll misst der Multi-Touch-Widescreen. Das Sichtfeld des iPad 2 kommt nur auf 9,7 Zoll. Die optische Fehleinschätzung liegt wahrscheinlich an der filigranen Erscheinung der Apple-Fortsetzung. Auf schmächtige 8,8 Millimeter Tiefe ist das Gerät geschrumpft, während das Xoom mit 12,9 Millimetern etwas plumper daherkommt. Das Moto ist ebenso kein Leichtgewicht. 730 Gramm hält man in Händen, wenn man gemütlich auf der Couch ein E-Book lesen oder im Internet surfen möchte.
Interessant hingegen ist das Display. Das Xoom läuft mit einer Auflösung von 1280 x 800 Pixeln (160 Pixel per Inch) und schlägt so die bereits im iPad-2-Test kritisierten 1024 x 768 Pixel (132 PPI). Zusätzlich ist im Moto noch ein Mini-HDMI-Port eingebaut; einem HD-Stream über den Fernseher steht also nichts mehr im Wege. Das ist vor allem für das Kinovergnügen im Wohnzimmer höchst interessant.
Auch sonst hat das Motorola Xoom noch einige schmucke Eigenschaften, die auf den ersten Blick wirklich vielversprechend scheinen. Fünf-Megapixel-Kamera an der Rückseite, dazu noch ein Doppelblitz - davon kann man beim iPad nur träumen. Auch der Auslöser ist sinnigerweise an der Seite des Touch-Feldes angebracht, so dass man in der Praxis damit bequem Fotos schießen kann. Hier hat Apple jegliche Handlichkeit verschlafen. Doch nebenbei: Mit der Qualität der Apple-Kamera will man sowieso keine Bilder machen.
Der Test auf Herz und Nieren
Kinderleicht muss ein Tablet zu bedienen sein. DAS ist die Messlatte, die Apple mit seinen beiden iPads gesetzt hat. Das trifft jedoch beim Motorola Xoom nur bedingt zu. Zwar sind die einzelnen Menüpunkte ähnlich wie beim großen Vorbild (denn auch Motorola hat das Rad nicht neu erfunden) angeordnet. Ob Google-Browser, Facebook oder Mail-Programm - alles ist mit einem Klick zu erreichen. An vielen Stellen wirkt es jedoch nicht so clever durchdacht. Zwar kann man seine Bildschirme nach Lust und Laune personalisieren. Doch will ich das überhaupt? Oder ist mir das nicht schon zu viel, in einzelne Menü-Unterpunkte zu hüpfen und dort die Programme zu suchen, die ich gerne an der einen oder anderen Stelle haben würde? So viel Entscheidungsmöglichkeit ist zwar nett gemeint, aber in der Realität wohl kaum nötig.
Auch ist es mir nicht ersichtlich, wo ich zum Beispiel PDF-Dateien, die ich auf mein Tablet übertragen habe, finden kann. Das Programm Quickoffice, das auf meinem Androiden installiert ist, öffnet sich nämlich nur, wenn ich eine neue Datei geladen habe. Ansonsten finde ich das Programm auf meinem Gerät nicht. Ich bin daran wirklich fast verzweifelt.
Apropos Übertragung: Ein Austausch per USB-Kabel (ja, das Xoom hat einen USB-Port) ist auf einfachem Wege wohl nur mit einem Windows-Rechner möglich. Stöpselt man es an einem Mac-Rechner an, passiert erstmal überhaupt nichts. Keinen Mucks macht weder Xoom noch Mac. Nur über den Umweg mit dem Zusatzprogramm „Android File Transfer“ (www.android.com/filetransfer) lässt sich wohl eine Kommunikationsbasis zwischen den beiden Geräten herstellen; viel zu umständlich.
Deswegen: Bluetooth. Dieser Datenaustausch funktioniert hingegen problemlos. Schnell haben sich Mac und Android aneinander gewöhnt und die Daten flutschen nur so hin und her. Noch einfacher geht es natürlich per Dropbox, die im Android-Markt kostenlos als App heruntergeladen werden kann.
Der Marktplatz:
Macht Apple etwas vor, müssen es selbstverständlich alle anderen irgendwann nachmachen; so auch Google mit seinem Android-Store. Ganz ehrlich: Optisch ist es Guttenbergs Doktorarbeit. Oder anders gesagt: Schöner können die Chinesen europäische Autos auch nicht nachbauen. Doch ein Plagiat ist eben nicht das Original. Filme, Musik oder ähnliches sucht man im Vergleich zu iTunes vergebens. Lediglich Programme oder Streaming-Apps können unter den einzelnen Rubriken gezogen werden. Momentan gibt es rund 340 000 Apps im Markt, knapp 20 Prozent davon sind Spiele.
Das Handling
Vom Feeling her hatte ich kein gutes Gefühl - frei nach Andreas Möller erging es mir mit dem Motorola Xoom. Ein ums andere Mal stieß ich bei der Bedienung an meine innere Belastbarkeit. Der Wunsch, das Gerät in die Ecke zu pfeffern, kam immer wieder hoch, da die Übersichtlichkeit im Vergleich zum Standard des iPads unterirdisch ist. Suche ich bei Apple ein Programm, eine Datei oder irgendetwas Anderes, muss ich einfach den Text in eine Suchmaske eingeben und Millisekunden später werden mir alle verfügbaren Möglichkeiten dargeboten. Beim Xoom gibt es auch eine Schnellsuche. Sie führt mich jedoch leider ins weltweite Internet zur Google-Suchmaschine; alles andere als hilfreich, wenn ich ein lokal gespeichertes Dokument suche. Und sollte es doch so etwas geben und ich habe es lediglich übersehen, ist dieser Umstand noch prekärer. Denn wenn ich es schon nicht finde, wie soll es dann ein Neueinsteiger in den multimedialen Markt entdecken?
Nervig ist auch das Ruckeln, das sowohl Browser wie auch PDF-Reader immer wieder zeigen. Das Gerät macht einfach nichts mehr. Die Finger gleiten über den Touch-Screen, doch das Bild ist wie eingefroren. Weder die Seite im Browser gleitet weiter, noch das E-Book hüpft zur nächsten Seite. Das ist ein Zustand, der - angesichts des horrenden Preises - nicht geduldet werden kann.
Fazit:
Mit dem Motorola Xoom und dem Apple iPad verhält es sich wie mit dem Vergleich zwischen Audi und Volvo. Viele Menschen wollen aus Understatement keinen Audi fahren. Wie bei Apple geht es bei einem Audi nicht in erster Linie um die Ausstattung, d.h. die Menschen akzeptieren auch für objektiv gleiche Qualität bzw. fehlende Extras höhere Preise zu zahlen. Etliche Menschen wollen jedoch bewusst nicht zu diesem bereits als snobistisch verschrieenen Zirkel der Audi-Fahrer gehören. Deswegen weichen sie auf einen Volvo aus - Understatement pur. Damit machen sie in erster Linie nichts falsch. Ein Volvo ist im Grunde ein sehr solides Fahrzeug. Transferiert man diese Einschätzung nun auf das Motorola Xoom im Bezug auf das Apple iPad 2, dann fährt man entweder Volvo oder Audi. Das Xoom ist solide - in jeglicher Beziehung. Man bekommt sogar einige Gimmicks, die es bei Apple nicht gibt. Allerdings ist es gerade in grundlegenden Dingen wie Bedienung oder Flüssigkeit keineswegs herausragend. Ein Volvo fährt eben über die Straße, ein Audi gleitet dahin. Das Xoom fährt, das iPad gleitet (trotz weniger Arbeitsspeicher).
Beim Thema Eleganz wird es dann noch deutlicher: hier der Audi A6, dort der V70. Edles Design, straffe Linienführung, kein Gramm zu viel auf der einen Seite. Plump, etwas sperrig, fast klotzig und etwas tollpatschig dagegen der Herausforderer. Nahezu gleich ist jedoch der Preis. Diesen Kardinalfehler hat auch das Motorola Xoom begangen. Das Xoom in der Version mit 30 Gigabyte Speicher, Wlan und 3G ist in Deutschland ohne Vertrag mit einem überaus selbstbewussten Preis von 700 Euro gelistet. Für das kleinste iPad 2 muss der geneigte Kunde „nur“ 479 Euro auf den Tisch legen - eine Rechnung, die kaum funktionieren kann. Denn nur auf die Individualisten, die einen privaten Feldzug gegen die Übermacht des in der Tat rücksichtslosen Apple-Konzerns führen, zu setzen, ist keine gute Idee. Denn davon gibt es nicht so viele, wie sich die Manager wohl ausgerechnet haben.
Es kommt in der heutigen Welt nicht auf den Inhalt an, sondern darauf, welche Marke man besitzt. Apple ist hier - wie Audi - unangefochten an der Spitze. Der vorgegaukelte Individualismus ist angesagt, der Mythos, den Apple über Jahre aufgebaut hat. Die Menschen fühlen sich gut dabei, einen Audi zu fahren - ihr iPad 2 auf dem Beifahrersitz und das iPhone 4 in der Mittelarmlehne. Das Motorola Xoom taugt da höchsten für den Rücksitz der Volvo-Fahrer.