Der Videoclip kommt dramatisch daher: Fackelträger mit weißen Masken marschieren durch leere Straßen, dazu läuft düstere Musik. Was der Betrachter nicht gleich erkennen kann: Hinter dem Video steckt rechtsextreme Propaganda über den so genannten "Volkstod" der Deutschen. Mit solchen Beiträgen für soziale Netzwerke im Internet wie Facebook oder YouTube versuchen Neonazis nach Ansicht der Organisation "jugendschutz.net" verstärkt, Jugendliche für ihre Ziele zu gewinnen.
Die Experten registrierten für das vergangene Jahr insgesamt 1700 rechtsextreme Websites, wie Stefan Glaser von "jugendschutz.net" zu berichten weiß. "Wo wir aber einen rapiden Anstieg haben, ist das WEB 2.0" - zu dem auch die sozialen Netzwerke gehören. Dort verdreifachte sich die Zahl rechtsradikaler Beiträge von 2000 in 2009 auf 6000 im vergangenen Jahr.
Propaganda in harmlosen Clips
Nach Glasers Überzeugung ist es eine Strategie der Neonazis, ihre Propaganda hinter scheinbar harmlosen Clips zu verbergen. "Die Aktion mit den weißen Masken soll Neugier wecken" und einen "Event-Charakter" vermitteln, analysiert der Politikwissenschaftler. Die professionell gestalteten Beiträge geben keine rechtsextremistischen Inhalte preis. "Meistens geht die Annäherung viel subtiler vonstatten", sagt Martin Ziegenhagen von der Online-Beratung gegen Rechtsextremismus. Zunächst würden Alltagsthemen wie Atomausstieg oder die Euro-Krise behandelt, von dort führten dann Links zu eigenen Seiten der Rechtsextremen. Die harte Propaganda folge dann in geschlossenen Foren.
Gerade emotional besetzte Themen erzeugen offenbar riesige Aufmerksamkeit. Der Clip einer rechtsextremen Sängerin über Kinderschänder hat es bislang auf 900.000 Klicks gebracht, wie Glaser berichtet. Und nicht einmal Hip-Hop, traditionell die Musik von Schwarzen, ist vor den Instrumentalisierungen der Rechten sicher: Der Clip einer rechten Band wendet sich lauthals gegen Multikulti in Deutschland. "Es kann nicht angehen, dass Rechtsextreme diese Dienste für ihre Hasspropaganda missbrauchen", ermahnt Stefan Glaser. Betreiber wie YouTube und Facebook müssten viel mehr tun, um dem ein Ende zu bereiten.
Rekrutieren von Jugendlichen
Ganz offenbar verfängt die Strategie der Rechtsextremen aber bislang. Aus der steigenden Zahl von Eltern-Anfragen zieht Ziegenhagen von der Online-Beratung den Schluss, dass die Web-2. 0-Plattformen "zur Rekrutierung von Jugendlichen im allerhöchsten Maße geeignet sind". Die Eltern sind nach Auffassung des Experten häufig überfordert: "Nur wenige können mit den Medienwelten ihrer Kinder mithalten, Neonazis haben da leichtes Spiel."
Ziegenhagen berichtet von einem Mädchen, das nach einem Schulwechsel keine neuen Freunde fand. Sie stieß schließlich auf einer Internet-Plattform auf Gleichgesinnte, die sich für Geschichte interessieren. Ihr Vater war anfangs begeistert, bemerkte dann aber beunruhigende Veränderungen bei seiner Tochter. Sie begann, merkwürdige politische Diskussion vom Zaun zu brechen und lief mit "komischen Accessoires" herum, berichtet Ziegenhagen über den Fall. Hilfesuchend wandte sich der Vater schließlich an die Beratungsstelle.
Patentrezepte gegen das Treiben der Rechten gibt es nicht. "jugendschutz.net" rät zu einer mehrgleisigen Strategie: Die Betreiber müssten mehr technische Mittel bereitstellen, um die Beiträge der Rechten aufspüren zu können - insbesondere, weil die Urheber ihre Clips oft leicht verändert wieder ins Internet einstellen, nachdem sie gelöscht wurden. In den Schulen müsse der Missbrauch des Internets dauerhaft auf den Lehrplan.
Und die Bundeszentrale für politische Bildung sieht auch Strafverfolgungsbehörden und die Netzgemeinde in der Pflicht. "Die arabische Revolution hat gezeigt, welches demokratische Potenzial in den Plattformen steckt", sagt ihr Präsident Thomas Krüger. "Wir brauchen Nutzer, die unsere grundlegenden Werte verteidigen und Neonazis konsequent in die Schranken weisen." afp