Der Mensch an sich schart gerne Gleichgesinnte um sich. Deshalb fühlt er sich ja in Vereinen auch so wohl. Oder in Parteien. In beiden wird zwar gerne mal gestritten. Insgesamt aber verfolgt man irgendwie das gleiche Ziel und ist froh, wenn einem das Vereinsgenossen und Parteifreunde regelmäßig bestätigen.
Im Internet mit seinen unbegrenzten Weiten ist das nicht viel anders. Ganz im Gegenteil: Je größer virtuelle Netzwerke wie Facebook oder Twitter werden, um so mehr besinnen sich deren Mitglieder auf ihre kleinen, abgeschotteten Welten zurück: auf Grüppchen Gleichgesinnter, von denen eher Bestätigung denn Widerspruch zu erwarten ist. Und wer anderer Meinung sein will, bleibe bitte fern.
Soziologen und Medienforscher sprechen in solchen Fällen gerne von Echokammern: In vernetzten Gruppen gleichgesinnter Menschen werden Informationen und Meinungen hochgeschaukelt und verstärkt - eben dadurch, dass sich die Mitglieder in ihren einseitigen Anschauungen immer und immer wieder gegenseitig bestärken. Abweichende Meinungen und deren Vertreter werden dagegen abgelehnt und bleiben außen vor.
Ob derartige Echokammern in Zeiten von Foren, Blogs, Twitter und Facebook zu einer Gefahr für die politische Meinungsbildung im Internet werden, darüber kann trefflich diskutiert werden. Und wurde es auch am Mittwoch zum Auftakt der re:publica XI in Berlin. Rund 3000 Blogger, Netzaktivisten und Journalisten diskutieren dort im Friedrichstadtpalast und in der Kalkscheune über die digitale Gesellschaft.
"Schwierig wird es, wenn die einzelne Gruppierungen nicht mehr miteinander sprechen, sondern nur noch übereinander", sagte bei der re:publica der Medienpädagoge Thomas Pfeiffer, der sich auf seiner Seite webevangelisten.de seit Jahren mit sozialen Online-Netzwerken beschäftigt. "Denn eine Gesellschaft wie die unsere ist darauf angewiesen, Kompromisse zu schließen."
Bei Untersuchungen des Online-Kurznachrichtendienstes Twitter hat Pfeiffer festgestellt, dass dort gilt, was auch aus dem realen Leben bekannt ist: Gleich und gleich gesellt sich gerne. Pfeiffer analysierte rund 500 Accounts politisch aktiver Twitter-Nutzer. Das Ergebnis: Diese Nutzer verweisen und verlinken am liebsten auf andere Twitter-Nutzer, die ähnlicher politischer Ausrichtung wie sie selbst sind. "Linke verlinken am liebsten Linke", spitzte Pfeiffer das zu, wobei das Bild bei allen Parteien gleich sei.
Eine Gefahr für die Meinungsbildung sei das aber nicht, urteilte der Medienpädagoge. "Es gibt trotzdem noch genügend Möglichkeiten, mit Anderen in Kontakt zu kommen." Gerade durch die oft sehr enge Vernetzung mit vielen anderen Menschen im Internet erhalte man regelmäßig auch Informationen, die einem vielleicht nicht "genehm" sind.
"Das ermöglicht eine Rasterfahndung"
Problematisch sei der Aufenthalt in virtuellen "Echokammern" eher für Privatsphäre und Datenschutz, stellte Pfeiffer fest. Sie ermögliche nämlich eine regelrechte Rasterfahndung - auch im wahrsten Sinne des Wortes. Heutzutage genüge es, sich das Netzwerk eines Menschen im Internet näher anzusehen - schon könne man auch auf dessen politische oder gesellschaftliche Ausrichtung Schlüsse ziehen. Da greife auch die Gegenmaßnahme nicht, sich mit möglichst vielen virtuellen Freunden auszustatten. Pfeiffer: "Ich muss mir einfach nur zwei Kontakte herausnehmen und die Gemeinsamkeiten herausfiltern."
re:publica XI als Livestream im Internet
Die re:publica XI läuft noch bis Freitag. Der Kongress ist nahezu ausverkauft. Einzelne Tageskarten gibt es noch vor Ort in Berlin. Etliche Vorträge werden aber auch als Live-Stream auf der Seite re-publica.de übertragen.