Von Stephanie Sartor
Dillingen Ein bisschen sieht man Andreas* an, dass er jetzt lieber am Baggersee liegen würde. Doch statt in der Sonne zu faulenzen, muss sich der Realschüler an diesem Tag mit der deutschen Rechtschreibung auseinandersetzten. Andreas sitzt in einem der Seminarräume des Dillinger Studienkreises, durch das geöffnete Fenster strömt die warme Sommerluft herein. „Rechtschreibexpress“ ist der Name des Kurses, zu dem ihn seine Mutter angemeldet hat. Das mit der Rechtschreibung sei nicht so sein Ding, erzählt der Schüler. Die anderen Teilnehmer und er beschäftigen sich im ersten von drei Kursen mit der Groß- und Kleinschreibung. Darin erarbeiten die Jugendlichen zum Beispiel, warum man „erinnern“ klein und „Erinnerung“ groß schreibt. Im zweiten Kurs folgen die deutschen s-Laute und in der letzten Sitzung die Regeln der Getrenntschreibung. „Ich glaube, dass es nur einen kleinen Prozentsatz an Schülern gibt, der keine Rechtschreibprobleme hat“, sagt Studienkreis-Leiterin Andrea Titz. Und nicht nur das: Sie sei immer wieder „schockiert“, wie schlecht sich die Kinder und Jugendlichen ausdrücken könnten und wie gering der Wortschatz vieler Schüler sei. Das Wort „Förster“ etwa haben viele der Teilnehmer, die alle entweder eine Mittel- oder Realschule besuchen, noch nie in ihrem Leben gehört.
Schreibfreude nicht durch überzogene Korrektur hemmen
Wie es um die Rechtschreibkenntnisse von deutschen Schülern bestellt ist, zeigt auch eine Studie der Universität Siegen, die vor 40 Jahren gestartet wurde und kürzlich im Spiegel veröffentlicht wurde. Demnach machten Viertklässler in Nordrhein-Westfalen pro 100 Wörter 1972 durchschnittlich 6,9 Fehler, heute sind es 15,9 – mehr als doppelt so viele. Wilhelm Martin, Direktor des staatlichen Schulamtes in Dillingen, warnt jedoch davor, solche Ergebnisse zu pauschalisieren: „Die Probleme sind vielfältig, es gibt einen anderen Wortschatz mit vielen Anglizismen und Fremdwörtern. Dazu kommt ein höherer Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund“, so Martin im Gespräch mit unserer Zeitung.
Die Rechtschreibung sei heute nicht mehr das entscheidende Kriterium im Deutschunterricht, so Martin weiter. Man wolle vielmehr den Kindern „eine Schreibfreude vermitteln, die nicht durch eine überzogene Rechtschreibkorrektur gehemmt werden sollte.“ Am Anfang stehe die phonetische Schreibung im Vordergrund. Die Kinder würden also so schreiben, wie sie die Wörter hören. Auf diese Fehlschreibung werde natürlich hingewiesen, aber vor allem in der ersten und zweiten Klasse noch nicht streng überarbeitet, erklärt Martin. „Der schriftliche Ausdruck soll zunächst nicht durch orthografische Formen unterdrückt werden“, fügt Martin hinzu.
Auch Angelika Riesner, Rektorin der Grund- und Mittelschule Wittislingen, bestätigt, dass die Rechtschreibung in den ersten beiden Schuljahren nicht im Mittelpunkt stehe. „Sonst traut sich das Kind keinen Satz mehr zu schreiben“, sagt die Pädagogin. Die Kinder sollten keinen Drill bekommen, weil sie so die Freude am Schreiben verlieren könnten.
Dass es immer mehr Orthografieprobleme gibt, hat aber auch sie beobachtet. Die didaktischen Methoden seien aber nicht der Grund, warum die Rechtschreibleistung der Kinder nachlässt, sagt Riesner. Sie sieht die Ursache eher in den Neuen Medien, in Sozialen Netzwerken, wo Sprache nur noch verkürzt und ohne Rücksicht auf Groß- und Kleinschreibung verwendet würde, oder in den Rechtschreibprogrammen von Computern, die Fehler automatisch ausbügelten. Mit intensiver Leseerziehung versuche man an ihrer Schule, diesem negativen Trend entgegenzuwirken.
Dass die Rechtschreibkenntnisse der Schüler nachlassen, bestätigt auch Huberth Schwarzer, Schulleiter der Carolina Frieß Grundschule in Lauingen. Natürlich sei das sehr bedauerlich, aber dafür stünden heute viele andere Fähigkeiten verstärkt im Mittelpunkt, wie etwa problemlösendes Denken in den Naturwissenschaften oder soziale Kompetenzen wie Kommunikationsstärke. „Es geht nicht mehr um das Einschleifen von Wörtern, sondern um die Erziehung hin zu einer rechtschreibbewussten Haltung“, sagt er. Was genau er damit meint, macht er an einem Beispiel deutlich: „Wenn ich einen Einkaufszettel schreibe, dürfen da Fehler drin sein, so lange ich alles verstehe. Wenn ich allerdings einen offiziellen Brief schreibe, dann muss alles korrekt sein.“
*Name geändert