Haunsheim Das literarische Kabarett lebt. Auf Schloss Haunsheim bot die Potsdamer Kabarettgruppe "Schwarze Grütze" ein fast dreistündiges Programm mit Texten, für die sich auch Tucholsky, Kästner und Ringelnatz nicht geschämt hätten. Und glänzend widerlegt wurde die Behauptung, dass mit findigem Reim und glattem Vers beim fernsehverseuchten Publikum kein Staat zu machen sei.

Denn die Zuhörer im restlos ausverkauften Rittersaal gerieten unter dem Pointenhagel schier aus dem Häuschen. Die Absurditäten des Alltags lieferten Dirk Pursche und Stefan Klucke die Impulse für entlarvende Parodien, zeitkritischen Witz und kreative Sprachschöpfungen.
Der Traum vom großen Feuer
Die Scheinwerfer dieser Analyse richteten sich auf die Seele eines Feuerwehrmanns, der vom großen Feuer träumt, auf einen Selbstmordkandidaten, dessen beabsichtigter Sprung in die Tiefe durch die Einwirkung von Medien und Nachbarn in eine Inszenierung umschlägt, und auf den Heavy-Metal-Wahnsinn, der das Wort "Borreliose" in die Welt brüllt und in rhythmischer Klage berichtet: "Man sammelt Blumen unbeschwert. / Da plötzlich greift der Holzbock an."
Wer in der Schule schon einmal beim Aufsagen von Schillers "Bürgschaft" hängen blieb, wird von der Gedächtnisleistung der "Schwarze-Grütze"-Satiriker besonders beeindruckt gewesen sein. Die eigenen Texte, erleuchtet von schier endlosen Geistesblitzen, wurden von beiden Akteuren oftmals synchron rezitiert. Was spielerisch aussah, war das Ergebnis von exakter Koordination und bühnenwirksamer Planung. Der Satz "Kommt ein Mann zum Arzt mit 'nem Frosch auf'm Kopf" wurde zum Ausgangspunkt einer langen Reihe von Witzvarianten. Und die artistische Zauberei mit Stab-, Echo- und Schüttelreim animierte auch Zuhörer, sich an Beispielen zu messen wie etwa "Ich gehe in den Birkenwald, / denn meine Pillen wirken bald."
Der Einsatz von E-Gitarren und Klavier, von Stefan Klucke und Dirk Pursche gleichermaßen beherrscht, verdeutlichte die Originalität der Lieder. Die raffinierte Pattern-Montage im Selbstporträt des Säufers ("Einer geht noch rein"), der Kommerzrausch des Organspenders ("Ich verkaufe eine Niere …") und die nationale Erkenntnis "Der Blues ist uns näher als der Rock" waren inspiriert von schwarzem Humor, wie ihn auch Christian Morgenstern liebte. "Schwarze Grütze" widerstand der aktuellen Behauptung, dass sich in Joke und Comic kreativer Witz verstecke. Unter dem Bombardement ihrer Einfälle bogen sich die Zuhörer vor Lachen und bestaunten die rhetorische Leichtigkeit der "Berliner Schnauze". Selbst kleine Randwitzchen hatten noch ihren Charme: Frage an eine Frau bei der Fahrt durch Württemberg: "Ist das Stuttgart?" Antwortet die Frau: "Hanoi."
Der enthusiastische Schlussbeifall verurteilte die beiden Kabarettisten tatsächlich zu einem Bühnenarrest, weil sie immer neue Zugaben zu liefern hatten. Der Beifall galt gewiss auch dem Veranstalter, dem Freundeskreis Schloss Haunsheim. Dessen Vorsitzender Werner Büttner hatte die Besucher zu Beginn begrüßt und später überreichte er den Vertretern preußischen Esprits Proben von jenem südwestdeutschen Geist, der in Weinflaschen konserviert wird. Nach ihrem Dauerlauf durch den Pointenwald sollten Dirk Pursche und Stefan Klucke "ihre Stimme ölen" können.
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