Bäumenheim-Hamlar „Die Welt ist nicht genug“ lautet der 1999 gedrehte 19. Film der James-Bond-Reihe. Ein Titel, der auch für das Tun von Erhard Schiele hätte Pate stehen können. Denn der wollte sich einst nicht damit begnügen, nur den von den Eltern ererbten Hof im nordschwäbischen Hamlar zu bewirtschaften. Obwohl ihn damals nicht wenige seiner Nachbarn für etwas verrückt hielten, krempelte der heute 56-Jährige den Betrieb um – und begann Küchenkräuter anzubauen. Inzwischen ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen, und aus einem, der sich immer noch „dem bäuerlichen Denken verhaftet“ fühlt, ist ein Global Player in Sachen Gewürzkräuter geworden.
Die Wurzeln für den internationalen Erfolg liegen in Russland, unweit der Metropole Moskau. Dort pachtete der „Kräuter-Guru“ zusammen mit seinem Partner Dr. Sergej Fillipov 25 Hektar, um Gemüse und Kartoffeln anzubauen. Im Mai 1992 wurde auf den Feldern von Bunjatino der erste Salat gesät. Eine Delegation aus Bayern, zu der auch der Autor dieser Zeilen und der CSU-Landtagsabgeordnete Georg Schmid (Donauwörth) gehörten, war Mitte der 1990er Jahre vor Ort, um über dieses deutsch-russische Joint Venture namens „Fruchtring“ zu berichten. Der damalige Leiter der Sowchose Bunjatino, Benjamin Grivlow, schilderte die Situation so: „Es war eine Zeit mit 110 Prozent Inflation, heimische Produkte erzielten keinen Preis. Wir haben verzweifelt einen Ausweg gesucht – und den bot uns Erhard Schiele.“
Und der zauderte nicht. „Es war die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt“ sagt er heute in der Rückschau. Nämlich: aus Russland für Russland. Er investierte – Geld ebenso wie Know-how. Schiele erzählte einmal: „Mit entscheidend war, dass alle Mitarbeiter regelmäßig und pünktlich ihren Lohn erhielten.“ Bald waren es 750 Hektar (2002). Zu Beginn des 21. Jahrhunderts tätigte er eine 20-Millionen-Doller-Investition, um spezielle Kühllager anzulegen. Mittlerweile sind es über 4000 Hektar, die bearbeitet werden und der Nordschwabe ist zum viertgrößten Kartoffel- und Gemüseerzeuger aufgestiegen, der die Supermärkte der Metropole an der Moskwa bestückt.
Vielfältig engagiert
Erhard Schiele ist nicht nur Chef über drei Betriebe (in Bayern, Russland und Tschechien), sondern ebenso Initiator der Erzeugergemeinschaft Donautalkräuter (ESG), Betreiber einer eigenen Trocknungsanlage (täglich bis zu 18 Tonnen getrocknete Kräuter), beschäftigt zwei Dutzend feste Mitarbeiter vor Ort, hat eine 1-MW-Biogasanlage hingestellt, und, und, und. Kurz: Der Landwirt aus Hamlar hat erreicht, dass ESG der größte Produzent für Trockenkräuter auf dem alten Kontinent ist. „Mittlerweile sind sogar Produkte (Petersilie) mit Fälschungen unserer Qualitätszertifikate auf dem Markt aufgetaucht“, erzählt der Vater von drei Kindern im Gespräch mit unserer Redaktion.
Schiele steht immer noch unter Volldampf, sucht nach Verbesserungen, hält Umschau nach Neuem. Denn: „In Europa bauen wir zwar unsere Marktposition kontinuierlich aus. Aber Europa ist kurz vor der Sättigung.“ Daher werden für ihn neben den USA und Südamerika der arabische wie der asiatische Raum oder die Schwellenländer immer wichtiger. „In diesen Regionen gibt es rapides Wachstum in der Wirtschaft und in der Bevölkerung. Das ist unser Markt der Zukunft.“
Deshalb seien auch die Kosher- und Halal-Zertifikate nötig. „Als ich im Flug nach Malaysia saß, wollte mein Sitznachbar wissen, ob sein Essen koscher ist. Erst nach dem ‚Ja‘ der Stewardess begann er es zu verzehren.“ Weil Schiele Schiele ist, zog er daraus für sein Unternehmen die Konsequenz – jährlich prüft ein autorisierter, jüdischer Rabbi die Felder, Ernte, Produktion und Lagerbedingungen. Das Zertifikat erhält nur, wer Insekten-frei produziert und nach den strengen Richtlinien der Kosher-Zertifizierungsgesellschaft arbeitet. Ähnlich verhält es sich mit Halal. Der zuständige Islamologe und ein Lebensmitteltechnologe garantieren ebenfalls, dass die Ware entsprechend der Speise-, Trink- und Schlachtvorschriften des Islams hergestellt wird.
Die Einkäufer der Markenhersteller haben sich auf Schiele eingestellt. Sie setzen auf das komplette Sortiment seiner Kräuter, lassen sie von Bäumenheim-Hamlar aus in alle Teil der Welt versenden: „Jeden Tag wird ein Container mit unseren Produkten verschifft.“ Tiefkühlpizza, Pastasaucen, Suppen, Frischkäse, Chips und Snacks sind nur eine kleine Auswahl der Produkte, die mit Hamlarer Küchenkräutern verfeinert sind. Nachhaltigkeit sei hier das Stichwort, wobei Schiele lieber von Verantwortung spricht und dabei vor allem das Wort der „Enkelfähigkeit“ benutzt.
„Wir in Europa haben alles. Jetzt wollen wir wissen, unter welchen Umständen unsere Lebensmittel produziert werden.“ Knorr beispielsweise nehme die Verantwortung für die Umwelt wahr, kaufe Küchenkräuter aus Hamlar. „Unsere Petersilie wächst auf fruchtbarem Donau-Tal-Boden. Petersilie in Ägypten wird auf Wüstenboden mit künstlicher Bewässerung und viel Kunstdünger angebaut.“ Ressourcen werden so vergeudet und den nachfolgenden Generationen die Lebensgrundlage geraubt. Schiele ist glücklich, dass „unsere Biogasanlage jetzt wieder in Betrieb geht“. So werden nämlich die anfallenden Kräuterstiele des Trocknungswerks sinnvoll zu Strom, Wärme und natürlichem Pflanzendünger. Rund 1100 kW/Std produziert die Anlage und kann so den gesamten Strombedarf der ESG decken.
Denken in Generationen
„Ein Landwirt, ein Bauer denkt nicht kurzfristig, er denkt in Generationen“, sagt er und ist stolz, dass er vor Kurzem zum ersten Mal Opa geworden ist. Und er ist ein Mann, der seine Produkte zwar internationalisiert, aber seinen Betrieb, der auf mehrere Kontinente verteilt ist, von „daheim“ aus führt ...