Donauwörth Ein großer Geistesmann, eher klein an Statur und schon damals mit silbrig werdendem, jedoch üppigem Haar – so lernte Gregor Tischler den späteren Papst Benedikt XVI. kennen und so ist er ihm in Erinnerung geblieben. Als zwanzigjähriger Student hörte er bei einer Vorlesung in der zu diesem Zeitpunkt jüngst gegründeten Universität Regensburg erstmals Professor Joseph Ratzinger, als der über „die Tiefe und Schönheit des christlichen Glaubens“ sprach.
Als im April 2005 mit Ratzinger nach Jahrhunderten wieder ein Deutscher den Stuhl Petri in Rom bestieg, dauerte es nicht lange, bis man sich kirchlicherseits entschloss, ein eigenes Institut zu gründen, das sich ausschließlich mit dem Leben und Wirken des neuen Papstes beschäftigen sollte. Vor allem dessen frühere Tätigkeit als Priester, Professor und Bischof wollte man umfassend dokumentieren.
Mittlerweile besteht seit mehreren Jahren dieses Institut – in den Räumen des Regensburger Bischofsseminars. Wie Gregor Tischler im Gespräch mit unserer Redaktion erläuterte, ist Vorsitzender des Instituts Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller, die wissenschaftliche Forschungstätigkeit leite Rudolf Voderholzer, Theologieprofessor an der Universität Trier. „Jährlich erscheint ein Mitteilungsband des Institutes – inzwischen liegt das vierte Jahresbuch (2011) vor.“
Schon vor längerer Zeit wandte sich Prof. Voderholzer auch an Gregor Tischler, den Fachbetreuer für katholische Religionslehre am Gymnasium Donauwörth. Denn Voderholzer wusste, dass der heutige Studiendirektor einer der ersten Theologiestudenten an der Uni Regensburg (seine Heimatstadt übrigens) gewesen war, und fragte, ob dieser noch „genauere Erinnerungen an jene Zeit“ habe, die für eine Veröffentlichung geeignet seien.
Tagebuchaufzeichnungen
„Ich bin gerne dieser Bitte nachgekommen, zumal ich noch umfangreiche Tagebuchaufzeichnungen aus meinen Studienjahren 1968 bis 1974 besitze“. In Form eines sechsteiligen Artikels mit dem Titel „Wohllaut und Gedankentiefe“ sind seine Erinnerungen zu Ratzinger erschienen (in den Mitteilungen sind es die Seiten 117 bis 122). Der damals schon berühmte Gelehrte – der ja bekanntlich beim 2. Vatikanischen Konzil (1962-65) als Berater mitwirkte – erfährt in dem Aufsatz viel Lob. Tischler wörtlich: „Ratzinger war nicht nur offen für Gespräche mit uns Studenten, sondern er hat ‚druckreif‘ reden können, sodass seine Vorlesungen geradezu atemlose Aufmerksamkeit gefunden haben.“ Zudem habe er viel Einfühlungsvermögen bewiesen. Tischler weiter: „Seine Erscheinung war von Bescheidenheit, vornehmer Zurückhaltung und grundsätzlicher Freundlichkeit geprägt.“
Ein Höhepunkt seines Studiums bei Ratzinger sei neben den großen Vorlesungen über „Eucharistie“, „Gottesglaube der Kirche“, „Eschatologie“ und „Christologie“ insbesondere die erfolgreiche Teilnahme an einem Hauptseminar im Wintersemester 1970/71 gewesen. In den fünf Jahren zwischen 1970 und 1974 habe er bei Joseph Ratzinger außerdem zwei Examina absolviert – letztlich habe er ihm für seine spätere Tätigkeit als Religionslehrer sehr viel zu verdanken: „Er war und ist eine der maßgeblichen Persönlichkeiten für mein Leben.“
Tischler hatte zudem mehrmals die Gelegenheit zu „persönlichen“ Gesprächen – dann nämlich, wenn er mit seinem Kleinwagen Ratzinger vom neuen Uni-Gelände zu den noch bestehenden Fakultätsräumen am Ölberg chauffierte.
Übersetzung als Dankeschön
Als 2005 Tischler und dessen Frau Loredana Tischler-De Negri gebeten wurden, die italienischen Passagen eines Buches, dass der damalige Kardinal Ratzinger zusammen mit einem italienischen Philosophen verfasst hatte, ins Deutsche zu übersetzen, sagten sie „ohne Zögern“ zu (J. Ratzinger/M. Pera, „Ohne Wurzeln“, erschienen im Ulrichsverlag Augsburg). Gregor Tischler: „Die nicht gerade einfache Übersetzungsarbeit war auch ein spätes Dankeschön für all das, was ich bei und durch Joseph Ratzinger lernen und erfahren durfte ...“