Donauwörth Nordschwaben hat eine niedrige Arbeitslosenquote, leistungsfähige Unternehmen und Donauwörth steuert dem Trend vieler Städte und Kommunen erfolgreich entgegen, immer weniger Einwohner zu haben. Nicht gerade eine Paraderegion für die Bayerische Akademie „Ländlicher Raum“ und das Netzwerk „Nachhaltige Bürgerkommune“, um einem Problem nachzugehen, das man bisher vor allem aus Ostdeutschland kannte: leer stehende und verfallende Häuser, schrumpfende, ausblutende Dörfer, in die Metropolen abwandernde Jugendliche. Teilnehmer aus ganz Bayern nahmen an einer Tagung im Donauwörther Stadtsaal teil, um – wie es hieß – voneinander zu lernen und zu sehen, wie nachhaltige Kommunalpolitik aussehen kann.
„Der ländliche Raum ist extrem vom gesellschaftlichen Wandel betroffen“, analysierte Professor Holger Magel, Präsident der Bayerischen Akademie „Ländlicher Raum“, nachdem Oberbürgermeister Armin Neudert die Große Kreisstadt vielfältig ausgerichtet und vielseitig orientiert vorgestellt hatte. Die Stadt sei mit ihren „gefühlten 30000 Einwohnern“ und 13000 Arbeitsplätzen gut aufgestellt. Die dörfliche Kulturlandschaft Bayerns – mittelalterliche und frühneuzeitliche Dorfkerne, bildschöne Bauernhäuser, künstlerisch hochwertig ausgestattete Kirchen, die Dorfwirtschaft als Treffpunkt und drum herum die über Jahrhunderte gepflegten Felder und Wiesen – dieses Kulturgut könnte in den kommenden Jahrzehnten auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten landen, fürchten kommunalpolitisch Interessierte.
Wandel in den Köpfen
Professor Magel forderte einen „Wandel in den Köpfen“. Der neuerdings zu erkennende Bürgerwille sei eine Riesenchance für die Politik, mit Kooperationen im ländlichen Raum für Nachhaltigkeit zu sorgen. Es sei eine Schande für Bayern, so Magel, dass alles nur auf die Ökonomie ausgerichtet sei. Alternde Gesellschaft, Energiewende, Finanzkrise. Herausforderungen gebe es zur Genüge. Wer allerdings etwas bewegen will, benötige Kreativität und Eigeninitiative, aber künftig mehr denn je Partner. Die lebendige Vernetzung und Verflechtung, so fügte Dr. Thomas Röbke von der Koordinierungsstelle Netzwerk an, seien wichtige Faktoren für eine zukunftsfähige Entwicklung, ob in Form von Kommunen, als Unternehmen oder ehrenamtlich wirkenden Bürgern.
Auszusterben drohen vor allem die Menschen. Oder weniger drastisch gesagt: „Den Dörfern gehen die Bewohner aus“, formuliert Dr. Bernd Witzmann, der Leiter der Abteilung Nachhaltigkeit des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Gesundheit. Überall, so eine Bürgermeisterin aus Mittelfranken, „sterben mehr alte Menschen, als Babys geboren werden, überall ziehen Junge weg in die Metropolen mit ihren Arbeitsmöglichkeiten, überall werden landwirtschaftliche Betriebe aufgegeben und bald werden in den Dörfern nur die Alten zurückbleiben“. Dass dieses Szenario nicht eintrifft, sei Ziel von Tagungen wie dieser, erklärten die Veranstalter. Isoliert sei kein einziges der Probleme zu sehen und anzugehen, wenn es künftig nicht an Sozialkontakten und kultureller Anregung, an Einkaufsmöglichkeiten und ärztlicher Versorgung mangeln soll.
Gerlinde Augustin versucht seit Jahren mit ihrer Schule für Dorf- und Landentwicklung in Thierhaupten in den Gemeinden ein Bewusstsein für die drängenden Themen zu schaffen. Jetzt langsam komme es an in den Rathäusern, sagt sie, weil die Probleme nicht mehr zu übersehen sind. Clevere Bürgermeister wissen unterdessen längst, dass es darum geht, Attraktivität zu schaffen, sich Standortvorteile zu erarbeiten.
Holger Magel bestätigt, dass die Kommunalpolitik neuerdings die Mahnungen hört und auf Abwanderung sowie Überalterung reagiert. Und auch in Bayern seien Fördertöpfe eingerichtet worden, „um gegen die Versäumnisse der Vergangenheit anzutreten“.
Was ist zu tun? Das fragte bei der Tagung auch Professor Dr. Egon Endres von der Katholischen Stiftungsfachhochschule München. Er sieht eine Chance in Netzwerken, in denen man sich austauschen könne. Die Tagungsteilnehmer, die die ersten Zeichen der Schrumpfung erleben und erleiden – den aufgegebenen Lebensmittelladen, den fehlenden Arzt, das leer stehende Nachbarhaus – konnten kein Generalrezept erarbeiten. Eines wurde aber klar: „Die Siedlungskerne müssen aufgewertet und belebt werden.“ Mancherorts, wo die Wirtschaft prosperiert, müssten auch neue Baugebiete ausgewiesen werden. Dies solle aber die Ausnahme bleiben. Auch mit anderen Maßnahmen, so der Tenor, könnten junge Familien im Dorf gehalten werden.