Seit Februar und März diesen Jahres werden zwei 11- und 13-jährige Mädchen der Sekte Zwölf Stämme vermisst. Sie waren in Obhut des Jugendamtes am Landratsamt Donau-Ries; genau wie die anderen Kinder, die im September vergangenen Jahres bei einem Polizeieinsatz aus den Sektenstandorten in Klosterzimmern und bei Ansbach den Behörden überstellt wurden, nachdem sich Beweise gefunden hatten, dass Kinder in der Sekte systematisch der Prügelstrafe ausgeliefert sind.
Die beiden Mädchen verschwanden aus den Heimen, in denen sie untergebracht waren, eines hatte zwischenzeitlich ein Interview bei Spiegel-TV gegeben. Pressesprecher Mario Lauser vom Polizeipräsidium Nordschwaben: „Dieses Interview gab belastbare Hinweise darauf, dass sich die Mädchen in Klosterzimmern aufhalten.“
Das Jugendamt erwirkte daraufhin am Montag in einem Beschluss beim Amtsgericht Nördlingen Vollzugshilfe beim Polizeipräsidium Nordschwaben. „Das Familiengericht hat zwischenzeitlich ein fachpsychologisches Gutachten eingeholt, das im Ergebnis einen Verbleib der Kinder bei seinen Eltern in Klosterzimmern ablehnt“, heißt es in einer Presseerklärung des Landratsamtes Donau-Ries. Auf dieser Grundlage habe das Jugendamt nun aktiv werden können.
100 Polizeibeamte sind bei der Suche beteiligt
Die polizeiliche Hilfe ließ nicht lange auf sich warten: Um 6.15 Uhr morgens rollten 100 Polizeibeamte der Polizeidirektion Nordschwaben und der Bereitschaftspolizei aus Königsbrunn und Dachau im ehemaligen Gutshof Klosterzimmern an, um die Räumlichkeiten zu begehen – bei einer Begehung werden die Räume einfach in Augenschein genommen; anders als bei einer Durchsuchung wird darauf verzichtet, intensiv nach Geheimverstecken zu suchen und beispielsweise Wände von verborgenen Unterschlupfen herauszureißen. Die Nördlinger Polizei unterstützte ihre Kollegen durch Straßenabsperrungen und als ortskundige Ansprechpartner.
Die Beamten durchkämmten sämtliche Räume auf dem Gut, wurden aber nicht fündig. Die Mitglieder leisteten laut Polizeisprecher Mario Lauser „passiven Widerstand“. Verschlossene Türen wurden den Beamten nicht geöffnet, weshalb die Polizisten diese gewaltsam aufbrechen mussten. „Und wir sollen jetzt auch noch den Schaden bezahlen, oder?“, fragte ein verärgertes Sektenmitglied.
Trotz der umfangreichen Aktion entdeckten die Beamten keine Spur von den Mädchen und brachen gegen 8.30 Uhr die Suche ergebnislos ab. Eine halbe Stunde später hatte ein Großteil der Polizisten bereits den Rückzug angetreten.
In Klosterzimmern blieben die Mitglieder der Zwölf Stämme zusammen mit ihrem Anwalt zurück. Die meisten diskutierten angeregt über den groß angelegten und ihrer Meinung nach unverhältnismäßigen Polizeieinsatz. Ein Ehepaar lag sich weinend in den Armen und zeigte sich von der erneuten Polizeiaktion erschüttert. Sie sprachen von „Schikane seitens der staatlichen Gewalt“.