Beim "Balconing" springen Jugendliche von Balkon zu Balkon oder vom Hotelbalkon in den Pool. Nicht immer gehen diese Mutproben gut. Unsere Autorin Miriam Schmidt musste im Urlaub einen tragischen Fall miterleben.

Gänsehaut und richtiges Unwohlsein verursachten die Videos bei mir, schließlich musste ich alles schon einmal live miterleben. "Balconing", der neue Trend auf den Balearen, wird oft mit dem Handy gefilmt und im Internet veröffentlicht. Dabei klettern meist betrunkene oder unter Drogeneinfluss stehende Jugendliche im Urlaub von Balkon zu Balkon oder springen sogar vom Hotelbalkon aus in den Pool. Nicht immer geht das gut aus. Auch ich musste solch einen tragischen Fall von "Balconing" schon mit ansehen. Das war vor drei Jahren.
Sprung aus dem vierten Stock mit dem Leben bezahlt
Ich verbrachte gerade meinen Urlaub in der Türkei und genoss die Mittagssonne auf meinem Hotelbalkon. Plötzlich versammelte sich unter mir eine große Menschenmenge. Sie sahen zu mir hoch, wie ich am Anfang dachte, und schrien ganz aufgeregt irgendwelche für mich unverständlichen Sätze. "André, André" ist das einzige, an das ich mich heute noch erinnern kann. Diesen Namen brüllten sie immer wieder.
Erst verstand ich die Unruhe gar nicht. Doch als ein junger Mann eine Etage über mir, also aus dem vierten Stockwerk, an meinem Kopf vorbeisprang, hatte ich es verstanden. Wie in Zeitlupe flog er kopfüber in den Pool unter uns an mir vorbei. "Puh, das war knapp", dachte ich mir. Doch als ich genauer hinsah, schlug meine Erleichterung wieder in Nervosität um. Regungslos trieb der junge Mann an der Wasseroberfläche. Ein Urlauber, der gerade im Pool war, transportierte ihn an den Beckenrand. Eine weinende Frau - später erfuhr ich, dass sie eine Mitarbeiterin des Hotels war - deckte ihn mit einem Handtuch zu und maß ständig den Puls. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, bis der Rettungsdienst eintraf. Meine Uhr verriet, dass es aber nur fünf Minuten gedauert hatte. Warum ich die ganze Zeit auf dem Balkon verharrte oder nicht einfach wegschaute, verstehe ich bis heute noch nicht.
Als ich runter zu meinen Freunden gehen wollte, merkte ich erst, dass ich am ganzen Körper zitterte. Da ich aus der Vogelperspektive alles gut beobachtet hatte, erklärte ich mich dazu bereit, eine Zeugenaussage zu machen. Das Schlimmste dabei war aber nicht, noch mal alles Revue passieren zu lassen. Sondern: Die Kopie des Ausweises des jungen Mannes lag die ganze Zeit über vor mir. 21 Jahre war André erst alt. Und das Bild auf dem russischen Ausweis lächelte mich die ganze Zeit an. Zunächst erfuhr ich auf der Polizeistation, dass er noch lebte und gerade eine Notoperation über sich ergehen ließ. Schockiert war ich aber, als die Hotelmitarbeiterin mir erzählte, wie alles passiert war: Eigentlich sei der Russe Profi-Turmspringer gewesen. Nach einigen Gläsern Wodka konnte er die Gefahr aber wohl nicht mehr abschätzen. Er ging in ein gerade frei gewordenes Zimmer und stürzte sich aus dem vierten Stock in den nur einen Meter tiefen Pool.
Schließlich musste der 21-Jährige seinen Leichtsinn mit dem Leben bezahlen. Fünf Tage nach dem Sturz starb er an den Folgen seiner Verletzung, wie ich im Nachhinein erfuhr. Auch auf Mallorca und Ibiza sind diese Saison schon mindestens vier Touristen ums Leben gekommen und zahlreiche Verletzte registriert worden. Miriam Schmidt
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