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Kreis Aichach-Friedberg: Glücklich bei den falschen Eltern

Kreis Aichach-Friedberg

Glücklich bei den falschen Eltern

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    Zusammen mit der Pflegemutter im Gespräch mit Nadine Stief vom Jugendamt Aichach. Kurzfristiges Ziel: Hilfe in Notlagen. Langfristiges Ziel: ein eigenständiges Leben.
    Zusammen mit der Pflegemutter im Gespräch mit Nadine Stief vom Jugendamt Aichach. Kurzfristiges Ziel: Hilfe in Notlagen. Langfristiges Ziel: ein eigenständiges Leben. Foto: Foto: AN

    Das Jugendamt will helfen, bevor die Probleme in einer Familie zu groß werden. Unsere Serie beschreibt, wie die Jugendhilfe im Landkreis Aichach-Friedberg mit Kindern, Jugendlichen und Eltern zusammenarbeitet. Heute geht es um einen Jugendlichen, der in eine Pflegefamilie kommt.

    Der junge Mann ist selbstbewusst, eloquent, hat Manieren und scheint zu wissen, was er will. Vor zwei Jahren war das noch ganz anders: Da wusste Julian*, 17 Jahre alt, keinen anderen Ausweg aus einer „Familienhölle“, als den Gang zum Jugendamt. „In der ersten Klasse ging es los“, erinnert sich Julian. Es gab nur Schule und Lernen, die Eltern, vor allem der Vater, bauten einen ungeheuren Druck auf. Bald war der heute 19-Jährige isoliert – innerhalb der Familie, unter Gleichaltrigen. Immer nur lernen, am Nachmittag, am Wochenende, sonst nichts. Kein Sport, kein Weggehen, keine Freunde treffen, selbst von einfachen Alltagsverrichtungen im Haushalt wurde er ferngehalten. In der Familie konnte er mit niemandem darüber sprechen.

    Schulisch ging es durch den Druck immer weiter bergab

    Schulisch geht es trotzdem bergab. Kein Wunder, bei einem solchen Leben. Es folgen drakonische Strafen, noch mehr Druck, Gewalt. Bis er es nicht mehr aushält. Mit 17, nach elf Jahren zwischen immer schlechteren Noten und immer schlimmerem Familienterror, vertraut er sich einem Freund an. Dessen Schwester studiert Sozialpädagogik und weiß: „Du musst zum Jugendamt.“ Zusammen mit seinem Freund macht Julian einen Termin aus und geht zum Jugendamt.

    Von diesem Zeitpunkt an wird es besser. Nach mehreren Gesprächen mit den Mitarbeitern im Landratsamt und dem Durchspielen aller Alternativen ist klar: In seiner eigenen Familie gibt es für den 17-Jährigen keine Zukunft. Eine Pflegefamilie wird gefunden und ist innerhalb von Stunden bereit, den Jugendlichen aufzunehmen. „Unsere Pflegeeltern müssen sehr flexibel sein und das Kompliment, das man ihnen machen muss, kann eigentlich gar nicht groß genug sein“, sagt Nadine Stief, beim Jugendamt für Pflegekinder zuständig. Erst als Julian mit einer Mitarbeiterin des Jugendamtes zu Hause auftaucht und seine Sachen packt, erfahren die Eltern von dem Schritt. Der Jugendliche hatte es so gewollt, aus Angst vor einer weiteren Eskalation daheim. Normal wird aber zunächst versucht, eine Lösung innerhalb der Familie zu finden, besonders bei jüngeren Kindern und Jugendlichen. Erst wenn das keine Aussicht auf Erfolg hat oder scheitert, geht man an andere Maßnahmen: Pflegefamilie oder Heim beispielsweise. Stimmen die Erziehungsberechtigten nicht zu, muss das Familiengericht entscheiden. Wenigstens das blieb dem jungen Mann damals erspart.

    Wenn der mittlerweile 19-Jährige heute den Wechsel von einer Familie in eine andere schildert, merkt man ihm kaum an, wie schwer dieser Schritt gewesen sein muss. Die Pflegefamilie hat Erfahrung mit bisher fünf Pflegekindern und hilft ihm, wo es geht: Es ist ein Zimmer vorbereitet, ein eigenes Bett, einen Sohn der Familie kennt er vom Sehen. Schwer ist es trotzdem.

    Die leiblichen Eltern machen weiter Terror am Telefon, und der Jugendliche hat durch die jahrelange Isolation kaum soziale Kompetenzen. „Er konnte praktisch nichts“, erinnert sich seine Pflegemutter – heute kann sie darüber schmunzeln. Sie sagt aber auch: „Es war viel Arbeit“, und vor allem waren viele, viele Gespräche notwendig. Dass Julian sich in seiner neuen Familie schnell eingelebt hat und sich auch heute noch wohlfühlt, ist keine Selbstverständlichkeit. Auch, weil er mit 17 Jahren schon relativ alt für ein Pflegekind war. Manchmal funktioniere es aber auch bei Jüngeren nicht, erklärt Nadine Stief: „Dann muss man nach anderen Lösungen suchen.“ Für Julian war der Weg ins Jugendamt auf jeden Fall der erste Schritt in ein neues, ganz anderes Leben. „Das Jugendamt hat mich immer begleitet und war in engem Kontakt mit mir und meinen Pflegeeltern.“ Und er urteilt auch: „In meiner alten Familie hätte meine Zukunft schwarz ausgesehen.“ Heute will der 19-Jährige das Fachabitur machen und später eine Lehre bei der Bank – ein halbjähriges Praktikum dort hat ihm gut gefallen, und die Banker haben ihm schon in Aussicht gestellt, dass er eine Ausbildung anfangen könnte. Ein klarer Weg, nicht zuletzt deshalb, weil Nadine Stief mit ihm einen Hilfeplan für Schule und Beruf erstellt hat.

    Auch wenn er heute vor einer viel helleren Zukunft steht als vor zwei Jahren, so wissen alle Beteiligten, dass der Weg von Julian zu einem selbstständigen Leben noch lang und anstrengend ist. (FA)

    (*Name von der Redaktion geändert)

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