Sonntag, 19. November 2017

18. November 2016 00:01 Uhr

Neuvorstellung

Smart Electric Drive: Der neue grüne Held der Großstadt

Winzig und öko statt groß und stark: Der neue Smart Electric Drive ist ein politisch korrektes Auto. Warum er trotzdem jede Menge Spaß macht.

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Nach längerem Hin und Her, ob man "den" überhaupt einladen dürfe, sprach Daimler-Chef Dieter Zetsche jüngst tatsächlich auf dem Parteitag der Grünen. Der Auto-Boss bei der Öko-Partei - das ist ungefähr so, als würde Donald Trump den Weltfrauenkongress eröffnen. Zetsches Anhänger rechneten dem Manager hoch an, dass er in der Höhle des Löwen kein Salatblatt vor den Mund nahm. Die Menschen, sagte der Mann mit dem Schnauzer, werden ein Elektroauto fahren, weil sie wollen. Nicht, weil sie sollen.

Ergo: Ökologische Antriebe müssen attraktive Antriebe sein, wenn sie das nicht nur von den Grünen herbei gesehnte Ende der Ära des Verbrennungsmotors besiegeln sollen. Und sie müssen zum Lebensstil der Leute passen. So wird der Smart Electric Drive, den Zetsches Mannschaft praktisch zeitgleich zur Rede des Chefs im Hauptmarkt USA vorstellte, natürlich niemals als Familienkutsche oder Langstreckenfahrzeug dienen. Aber er ist das nahezu perfekte Vehikel für den Großstädter von morgen. Und er lässt kaum Zweifel daran, dass die Zukunft zumindest im urbanen Bereich allein dem Elektroauto gehört.

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Reichweite des Smart Electric Drive dürfte in der Stadt ausreichen

Die coole Daimler-Tochter praktiziert Elektromobilität schon seit fast zehn Jahren. Weltweit wurden bislang immerhin 16.000 der Mini-Stromer verkauft. Doch erst die jüngste Generation bringt all jene Argumente mit, die das Auto nicht nur für einen Grünen-Wähler interessant machen, sondern auch für die breite Masse. Da wäre zuallererst das für alle Elektroautos existenziell wichtige Thema Reichweite. 160 Kilometer verspricht Smart nach der Norm. Im Alltag bleiben nach Prognosen des Herstellers 120 Kilometer übrig. Statistisch gesehen reicht das locker, legt der Europäer im Schnitt täglich doch nur 35 Kilometer zurück.

Beim ersten Fahrtests im dichten Stadtverkehr erwiesen sich die 120 Kilometer als realistischer Wert. Was aber wichtiger ist: Die Reichweiten-Angst ist plötzlich passé. Die Balkengrafik, welche die verbleibenden Kilometer anzeigt, geht im Schneckentempo und ohne böse Überraschungen zurück. Der Smart verträgt den ein oder anderen Sprint, ohne dass die Reserven gleich ins Bodenlose fallen. Die auf 130 Sachen limitierte Höchstgeschwindigkeit fällt im Großstadt-Revier nicht negativ auf.

Der Kleine haushaltet nicht nur mit der Energie, sondern lädt während der Fahrt bei jeder Gelegenheit intelligent nach. Dank eines Radars, das den Voraus fahrenden Verkehr erfasst, weiß das Auto zum Beispiel, wie es sich optimal verhält, wenn der Pilot vom Gas geht. Ist kein Verkehrsteilnehmer in Sicht, schaltet es in einen Segelmodus. Stehen dagegen Hindernisse im Weg, bremst der Motor kräftig ab und fungiert als Strom-Generator.

17,6 Kilowattstunden fasst Hochvolt-Batterie - für ein 2,69 Meter kurzes Auto ein respektabler Wert, zumal der Energiespeicher im Fahrzeugboden verstaut ist - ohne kostbaren Platz wegzunehmen. Smart hat darüber hinaus verstanden, dass es nicht nur auf die bloße Kapazität der Lithium-Ionen-Akkus ankommt, sondern es für den Alltagsgebrauch mindestens genauso wichtig ist, wie schnell sich die Zellen wieder auffüllen lassen. In der Standard-Konfiguration dauert es sechs Stunden an der normalen Haushaltssteckdose, den Ladestand um 80 Prozent nach oben zu bringen. Mit diesen 80 Prozent (und nicht mit 100) rechnen die Entwickler, weil sie davon ausgehen, dass der Smart so gut wie nie ratzfatz leer an die Stromtanke kommt, sondern in der Regel immer noch 20 Prozent an Bord hat.

Wer in der Garage eine Starkstrom-Ladestation (etwa 900 Euro plus Installationskosten) montieren lässt, kann das Prozedere auf 3,5 Stunden verkürzen. Wer darüber hinaus einen Onbord-Schnellader ordert (rund 1200 Euro Aufpreis), schafft eine Füllung sogar in der Rekordzeit von 45 Minuten. Bei aller Begeisterung für das technisch Machbare: Otto Normalverbraucher wird seinen Smart so oder so über Nacht an die Strippe hängen. Ob der Wagen dann 3,5 oder sechs Stunden saugt, spielt keine große Rolle. Die teure Ladestation kann man sich also sparen. Der Onbord-Schnelllader hat dagegen durchaus seine Berechtigung. Denn damit kann der Smart-Fahrer an öffentlichen Ladesäulen im Notfall blitzschnell "tanken". Und nicht zuletzt macht die Sonderausstattung den Wagen wertiger.

Smart Electric Drive: Akku, Preis, Daten

Wie viele Ladevorgänge so ein Akku wirklich verträgt, ist mangels Erfahrung eine große Unbekannte. Smart will seinen Kunden diese Sorge nehmen und gibt eine Art Garantie auf die Batterie. Sie soll über einen Zeitraum von acht Jahren oder eine Distanz von 100.000 Kilometern mindestens 70 Prozent ihrer Power behalten. Tut sie das nicht, bekommt der Besitzer einen neuen Energiespeicher. "Der Daimler" traut sich außerdem, das vom Tochterunternehmen "Accumotive" produzierte Teil mit zu verkaufen. So mancher Elektro-Mitbewerber dagegen vermietet die Batterie lediglich, was die monatlichen Kosten in die Höhe treibt.

Auf den Preis kommt es schließlich ebenso an wie auf die Reichweite. Selbst Verbraucher mit dem grünsten Gewissen rechnen spitz. Knapp 22.000 Euro veranschlagt Smart für das zweisitzige Basismodell. Der Viersitzer kommt auf 22.600, das Cabrio auf 25.200 Euro. Die Elektroprämie abgezogen, werden im besten Fall rund 18.000 Euro übrig. Auch wenn der Stromer mit gehobener Ausstattung glänzt und pro Kilometer deutlich weniger kostet als die konventionell angetriebene Version, bleibt der Abstand zum Benziner happig. Der steht nämlich schon ab 10.500 Euro in der Liste.

Aber ehrlich: Wer will den alten Verbrenner noch fahren? Der Smart Electric Drive verursacht weder Dreck noch Lärm. Er zischt quirlig wie kein zweiter durch den Stadtverkehr und lässt sich gefühlt auf einem Bierdeckel wenden. Während die Benzin-Brüder noch nach dem Schleifpunkt der Kupplung suchen, saust der kleine Öko-Star an der Ampel los, dass es eine Freude ist. In 4,9 Sekunden sind stadtkonforme 60 km/h erreicht. Es ist eben ein riesiger Unterschied, ob  sich das Drehmoment eines Motors erst mühsam aufbaut oder sofort anliegt.

Dieses elektrisierende Fahrgefühl dürfte - und damit zurück zur Politik - dem größten Auto-Kritiker und tapfersten "Fundi" ein Grinsen ins Gesicht zaubern. Die offizielle Farbe der Markteinführung des Smart Electric Drive ist übrigens ein keckes Grün. Ob Daimler-Boss Zetsche die gleichfarbige Öko-Partei damit versöhnlich stimmen kann? Will er das? Am Ende laden die den wieder ein.

 

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Ein Artikel von
Tobias Schaumann

Augsburger Allgemeine
Ressort: Digitale Produkte


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