Günzburg Aus der personellen Not eine musikalische Tugend machen und eines Tages vielleicht eine neue seelsorgerische Form schaffen: In der katholischen Pfarrei St. Martin beginnt das. Chorleiter Paul J. Obermayer war nach langer Krankheit im Frühsommer gestorben (GZ berichtete) und hinterließ einen verwaisten katholischen Kirchenchor. In dieser Notlage erklärte sich Gerhard Schöttl, der Chef des evangelischen Kirchenchores, bereit, einen gemeinsamen, nun ökumenischen Kirchenchor zu leiten.
Die Idee fiel bei Pfarrer Peter Sei-del (St. Martin) auf fruchtbaren Boden. Er freue sich, schrieb der katholische Geistliche im jüngsten Pfarrbrief, „über diese ökumeni-sche Initiative in unserer Stadt.“ Dem folgte auch der Dank an die Sängerinnen und Sängern von St. Martin, „wenn sie gemeinsam in evangelischen und katholischen Gottesdiensten zum Lobe Gottes singen.“
In gleicher Weise bekannten sich das Pfarrerehepaar Ulrike und Ste-fan Berlin sowie sein Vorstand der evangelischen Kirchengemeinde zu größeren musikalischen Auftritten der katholischen und evangelischen Christen auf den Emporen. „Es ist ein neues Zeichen der Ökumene“, so Stefan Berlin.
Initiator und Motor der konfessi-onsübergreifenden Neuerung, Ger-hard Schöttl, bringt die besten Voraussetzungen mit. Einmal in musikalischer Art (siehe nebenstehenden Bericht), dann auch persönlicher Art – die Erfahrungen des überzeugten Katholiken Gerhard Schöttl mit der ebenso überzeugten evangelisch-lutherischen Ehefrau Karin Schöttl.
„Ökumene ist mir ein Herzensanliegen und auf der unteren Ebene wohl am einfachsten zu schaffen“, sagt Gerhard Schöttl. Der ökumenische Kirchenchor Günzburg steht im Landkreis einzigartig da, er probt seit zehn Wochen im evangelischen Gemeindesaal und debütierte beim Kirchenpatrozinium in St. Martin. Und das mit erkennbarem Erfolg.
Donnerstag, 19.30 Uhr. Die ersten Aktiven treffen ein. Inge Beck packt Stuhl um Stuhl vom Stapel herunter, stellt sie in Reihen für ihre Mitsänger auf. „Ich bin schon seit 60 Jahren im evangelischen Kirchenchor.“
Der dienstältesten Sopranistin zu Hilfe eilen alle Neuankömmlinge, so wie die vor vier Jahren bei der „Konkurrenz“ in St. Martin eingetretene Sigtrud Gantner „ich singe leidenschaftlich gern“ und der Bass Egon Gaschler. Er trat in der Günzburger Unterstadtpfarrei der Sängerschar bei und hält ihr nach der Übersiedlung nach Dürrlauingen die Treue. In der gleichen Stuhlreihe sitzen Hans Häusele, Urgestein der evangelischen Gemeinde, der aus Siebenbürgen stammende Andreas Schenker und Altdirigent Siegfried Ranz (von 1968 bis 2003 Chef im Chor St. Martin). Ranz begrüßt es, dass „sein“ Chor bei dem Zusammenschluss fast geschlossen bei der Stange geblieben ist.
Inzwischen ist das „akademische Viertel“ verstrichen. Die Sänger spitzen den Mund, üben in Tonfol-gen den Lagenausgleich, trainieren das Ausgleichen der Vokale. Auch ein kurzer Kanon steht bei der Vorbereitung an, beobachtet Routinier und hoher Tenor Dieter Lindenmayer, „das Einsingen brauche ich.“
Zwar verordnet Gerhard Schöttl noch ein paarmal Stand- und Sitzgymnastik, doch die ausgeteilten Notenblätter signalisieren: Jetzt wird es Ernst. Ein Dur-Akkord klingt auf dem Klavier an. Den greifen Alt, Sopran, Bass und Tenor auf, summen den Vierklang und stimmen auf das Startzeichen hin an „Herbei, o ihr Gläubigen“. Der volle Satz des uralten lateinischen Krippenliedes „Adeste fideles“ schwingt durch den Raum, bedarf einiger kleiner Korrekturen.
Die geübten Choristen kriegen dafür tüchtig Lob, wechseln dann von „Herbei o ihr Gläubigen“ zum Beitrag „Seht das Kleine“. Ganz so, als ob sie schon immer zusammen singen würden.