Ichenhausen Das Programm zum Musikalischen Frühling im Schwäbischen Barockwinkel in der Stadtpfarrkirche Ichenhausen bestand, lapidar gesehen, aus kirchlicher Trauermusik. Von Wolfgang Amadeus Mozart. Gerhard Fackler trat dazu in geradezu monströser Großbesetzung an. Die Schwäbische Chorgemeinschaft Ichenhausen verstärkt durch den Kirchenchor Biberbach, die Neue Schwäbische Sinfonie aufgestockt zum beachtlichen Großraumorchester. Vom Volumen her durchaus befähigt zu einem Staatsbegräbnis erster Klasse. Qualitativ gesehen auch.
Mozarts „Unvollendete“ stand unsichtbar, aber in Großbuchstaben, über dem Hauptwerk dieses Nachmittags, seinem „Requiem“ d-Moll (KV 626). Als Vorreiter durften sich zwei „kleine“ Werke präsentieren. Zuvorderst das „Ave verum corpus“ (KV 618), ein 46 Takte langes Kleinod chorischer Verführungskunst aus dem Schatzkästchen des Meisters, geschrieben ein halbes Jahr vor seinem Tod. Ein Geschenk Mozarts an den Chorregenten Anton Stoll, schnell aus dem Ärmel geschüttelt, als Dank für Hilfe bei der Wohnungsbeschaffung für Ehefrau Constanze, hochschwanger, auf Kur in Baden bei Wien.
Das nachfolgende „Laudate dominum“ aus den Vesperae solennes de confessore (KV 339) ist ein inniges Gebet von klanglich hinreißend lichter Reinheit und Poesie. Eine weitgespannte Melodie von klassischer Schönheit, getragen von Orchester, Solosopran und sanft dahinströmendem Chor. Und Isabell Münsch vermittelte das Gefühl, man lausche wirklich der glöckchenzarten Fürsprache eines Engels.
Wer kennt sie nicht, die beliebte, höchst populäre, aus Film, Funk und Fernsehen bekannte Geschichte um das Mysterium von Mozarts letztem, unvollendet gebliebenen Werk? Wie war es denn wirklich? Die letzte Wahrheit darüber, die hat Mozart mit ins Grab genommen. Was wir wissen ist, dass Michael Haydns c-Moll Requiem zumindest inspirierend auf ihn gewirkt hatte, denn an dessen Uraufführung in Salzburg hatte er als Fünfzehnjähriger im Orchester mitgewirkt. Was wir nicht wissen ist, inwieweit, aus welchen Quellen und ob überhaupt sein Schüler Süßmayer das Fragment vollendete. Darüber streiten sich die Gelehrten bis heute, und sie werden sich weiter streiten.
Halten wir uns also an das, was Mozart uns hörbar überlieferte, an die Musik. Und die ist, zumindest im Introitus, von Fagott und Bassetthörner in dunkelgoldener, düster schwermütiger Stimmung gehalten. Doch dann, vor dem ersten Choreinsatz, geben die Posaunen schon eine erste Ahnung vom Jüngsten Gericht, und wenn anschließend der Chor in mystischem Stürmen und Drängen sich im „Kyrie eleison“ in eine gewaltig ausgebaute Doppelfuge stürzt und, zusammen mit dem Orchester, im rasenden Wirbelsturm des „Dies irae“ eine vokal hocherregte, prall opulente Vision des Unterganges in den Kirchenraum schleudert, dann ist die klanggewaltige Endlichkeit des Erdenwandels eingeläutet, dann leuchtet es, in sängerisch makelloser Chorschrift auf drohende Feuerwände projiziert: Dem allen entkommst du nicht, lieber Hörer! Kein Zweifel, es ist die dramatische Gewichtigkeit des Chores, die in Mozarts opus ultimum den Ton angibt. Und die Inspiriertheit eines Gerhard Facklers, der furios und mit schnittigen Tempi dem musikalischen Geschehen seinen Stempel aufdrückt. Kompromisslos, zielstrebig und mit beschwörender Leidenschaftlichkeit. In der überwältigenden Großartigkeit des Dreifachanrufs „Rex – Rex – Rex“, der wundervollen Innigkeit, ergreifend wie ein Gebet, des „Recordare“, dabei nie in romantisierend-gefühlige Betroffenheitsstilistik verfallend. Schon gar nicht im „Lacrimosa“, jenem Stück, bei dem Mozart nach acht Takten die Feder für immer aus der Hand legen musste, dessen musikgeschichtliche Tatsache allein schon, selbst dem verstocktesten Zuhörer, sich das Herz öffnen lässt.
Großen Anteil an den expressiv sich entfaltenden Seelenkämpfen dieser Totenmesse hatte eine mit sensibler Agilität aufspielende Neue Schwäbische Sinfonie. Genauso das Gesangssolisten-Quartett Isabell Münsch (Sopran), Sabine Fackler (Alt), Gabor Molnar (Tenor) und Peter Lika (Bass), das auf alle opernhaften Manierismen verzichtete und stattdessen zu einem Ensembleklang fand, der mit sanglich hochleistungsfähiger Potenz Mozarts Klangrede bezwingende Erzählkraft verlieh. Und die ging so manches Mal tief unter die Haut.