Landkreis Drei Bittgänge vor Christi Himmelfahrt: Sie waren gang und gäbe in katholischen Pfarrorten, und dabei war bei den Märschen durch die örtliche Flur mindestens eine Person aus jedem Anwesen. Diese Fußmärsche fielen dem dichteren Straßenverkehr und der Lohnarbeit aller Familienangehörigen zum Opfer. In verkürztem Umfang handhaben diesen Brauch heute noch zum Beispiel Offingen, Bibertal, Ichenhausen, Jettingen, Freihalden, Kemnat und Unterknöringen. In Rettenbach und seinen drei Ortsteilen werden alle drei Termine wahrgenommen. Dort bestreiten abends kleine Gruppen die drei Mini-Wallfahrten. Sie benützen wenig befahrene Strecken, singen geistliche Lieder, beten den Rosenkranz, feiern in der Nachbarkirche einen Bittgottesdienst und kehren nach dem Wettersegen zu Fuß wieder gemeinsam in die Heimatpfarrei zurück.
Die Ziele der Ulrichspfarrei Rettenbach sind Harthausen (Montag), Remshart (Dienstag), örtliche Flur statt früher Offingen (Mittwoch). Heuer segnet Pfarrer Bernd Reithemann am Dienstag gegen 18.45 Uhr beim Bittgang das Feldkreuz an der Remsharter Steige. Am Rückweg lädt die Enkelin des Erststifters und Mitspenderin der Kreuzerneuerung die Pilger zu einer Brotzeit ein.
Der Brauch, beim Einsetzen des Wachstums in der Natur die Flur zu umwandern, reicht in die vorchristliche Zeit zurück. Die bäuerliche Bevölkerung trug damals bei Prozessionen Götterbilder zur Abwehr von Hagel, Dürre- und Nässeperioden mit sich. Im Mittelalter wurde der Flurgang als Fürbitte der Landwirte ins religiöse Brauchtum integriert. Beim Bittgang sah jeder bei den an der Flurgrenze aufgestellten Kreuzen, wie weit gemeindliche Felder und Wiesen reichen. Das mitgeführte Tragekreuz soll Unglück auf dem Hof verhindern. Auch baten Wallfahrer um Gedeihen dessen, was gesät war, und beteten in der Kirche den Wettersegen.
Das gestiftete Feldkreuz, wie es jetzt in Rettenbach an dem Jahrhunderte alten Weg aufgerichtet wurde, zwischen den Herrschaftssitzen der Riedheims – in Remshart das Wasserschloss (1910 abgerissen), in Harthausen (Stammsitz) und im Schlössle Rettenbach, bezeugt tiefe Gottesverehrung des Erststifters, des Rettenbacher Schreiners Dominikus Motzer (1853 – 1942); es markierte für Fuhrleute und Fußgänger bei Nacht und Nebel sowie tiefem Winter einen Wendepunkt. Das sogenannte Schreiner-Dom-Kreuz stand ursprünglich kurz vor der Ortschaft, musste 1974 bei der Erschließung des Baugebiets Auf der Kohlstatt vom Zwergwegle zur „Remsharter Stoig“ wandern. Tiefpunkt das Jahr 2000, als Kreuz und Ruhebank altershalber abgebrochen wurden. Christoph von Riedheim, erzählt man sich, gelobte nach einem Grundstückstausch die grundlegende Erneuerung. Er besorgte mit den Harthauser Mayer-Brüdern Karl und Georg die Eichenbalken und das schützende Dach, Franz Brixler renovierte die originale ausgestanzte Kruzifixtafel aus dem mit Zinn belegten Blech. Den Maler kennt niemand.