Günzburg Medizinisch gesehen geht es gut aus. Zumindest nicht hoffnungslos. Happy End aber hat die Geschichte keines. Sie ist ein Tabuthema. So jedenfalls stellt es Klinikseelsorger Johannes Löffler dar. „Eines, unter dem wir in unserer Krankenhausarbeit manchmal leiden“. Filmemacher Marc Haenecke hat daraus eine 90-minütige Doku gemacht mit dem Titel „Zwischen Welten. Vom Aufwachen in einem anderen Leben“. Veranstaltet von der Volkshochschule in Kooperation mit der evangelischen Klinikseelsorge wurde sie im voll besetzten Vortragssaal der Sparkasse präsentiert, in Anwesenheit des Regisseurs und seines fachlichen Beraters Peter Frör, dem ehemaligen Klinikpfarrer in Großhadern, tätig in der klinischen Seelsorgerausbildung.
Krankenhausalltag. Ein ADAC-Hubschrauber landet. Sanitäter, Pflegepersonal, Ärzte treten eilenden Schrittes an zum Kampf um Leben und Tod. Schnitt, Intensivstation. Schläuche. Verbinden des Patienten mit lebenserhaltenden Apparaturen. In Großaufnahme. Zuckende Grafiken auf flimmernden Monitoren, und Piepsen, anhaltendes, monotones Dauerpiepsen. Darüber eine sanft beruhigende Männerstimme, getragen von allgäu-schwäbischer Dialektfärbung: „Ich bin bei dir.“ Pause. „Auch Mama und Papa“.
Wilfried Moser im Dialog mit seiner Lebensgefährtin Karin Burghart. Ein einseitiger Dialog, denn Karin hat sich, nach Tumoroperation und Schlaganfall, aus dieser Welt mit Hausbau, Hochzeitstermin und Familienplanung („Zwei Kinder müssten’s schon sein, weil eins allein wär’ so einsam“) zurückgezogen, ist in ein Dasein versetzt, das der Medizin noch immer unlösbare Rätsel aufgibt. Sie liegt im Koma. Eine gesonderte Welt, ein Bewusstseinszustand weit, weit weg, von unbekannten Dimensionen und unbestimmbarer Dauer. Kein Außenstehender findet Zugang. Oder doch? Wilfried hat diesbezüglich Erfahrung, vor 22 Jahren lag er nach einem Autounfall selbst zwei Wochen im Koma. „Kannst du mich hören?“
Ein zweiter Patient, Werner Vogler, nach einem Schlaganfall ebenfalls im Koma, wird, wie Karin Burghart, erst im Klinikum Großhadern und später im Rehazentrum Burgau betreut. Und über ein halbes Jahr immer dabei: Regisseur Haenecke mit Kamera und Aufnahmeteam. Natürlich mit Zustimmung der Angehörigen, doch der Verpflichtung, falls die Betroffenen selbst, sobald sie sich dazu in der Lage befänden, widersprechen würden, das gesamte Material zurückzuziehen. „Es war eine Gratwanderung“, dennoch, es gelang eine Dokumentation von bewegendem Tiefgang.
Nie aufdringlich, nie voyeuristisch, zwar meist mit Großaufnahmen arbeitend, aber doch immer mit Würde wahrendem Abstandhalten. Ein Film, der im Gedächtnis haften bleibt, als bewegendes Zeugnis über die Kraft der Zuwendung für einen nahestehenden Menschen, der immensen Wichtigkeit persönlicher Anteilnahme, der Fürsorge und Liebe. Über Wochen und Monate hinweg der mühsame Kampf zweier Menschen zurück auf dem Weg ins Leben, wie es mal war.
Momente der Erwartung, der Enttäuschung, der Hoffnung, sensibel ausgedrückt in bildfüllenden Händen. Hände, berührungsintensiv ineinander verschlungen, kontaktsuchend, Zeichen gebend, Wahrnehmung spürend. Streichelnde Hände, Hände als erste, Hoffnung spendende Anzeichen der Rückkehr aus der „Fremde“. Und über die Endlosigkeit der Zeit hinweg die ständige Frage: Können Menschen im Koma ihre Außenwelt wahrnehmen? Können sie mit ihr kommunizieren, ohne zu sprechen? Unabhängig davon bekräftigt Wilfried gegenüber seiner Karin: „Schatz, das machen wir schon.“ Bis sie, nach drei Monaten, an ihrem Geburtstag, mit schwachen, zittrigen Fingern wortlos, doch vielsagend, ihm übers Gesicht zu streicheln vermag. Endlich! „Heute hat sie mir Kraft gegeben“, bringt er, den Tränen nahe, über seine Lippen, „das war ein Glückserlebnis!“
Bei Werner Vogler ist es das Wiedererkennen ihm vertrauter Musik, die seine langsam beginnende Wahrnehmungsfähigkeit außerhalb des Komas bescheinigt. Überhaupt, so wurde im Film wie auch beim anschließenden Gespräch mit dem Publikum klar, kann Musik ein entscheidendes therapeutisches Mittel bei der Behandlung von Komapatienten sein. „Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an.“ Klinikseelsorger Peter Frör spricht dagegen einer unabdingbaren Zuwendung das Wort: „Es muss mindestens einen Menschen auf der Welt geben, dem existenziell daran gelegen ist, dass der Patient überlebt. Gibt es diesen Menschen nicht, wird er nicht wach werden. Eine neutrale Behandlung ist zu wenig.“