Die Preisvergabe findet in diesem Monat in Frankfurt statt. Der Preis wird heuer zum siebten Mal verliehen für eine Forschungsarbeit, die für die Versorgung psychisch kranker Menschen hohe Relevanz und einen innovativen Charakter hat - dafür steht schon allein das außergewöhnliche Thema, dem Silvia Krumm nachging.
Seit einigen Jahren wird sowohl in der psychiatrischen Forschung als auch in der Versorgungslandschaft zunehmend mehr Augenmerk dem Thema "Kinder psychisch kranker Eltern" gewidmet. Meist liegt dabei der Fokus jedoch auf dem Kindswohl - welche Hilfen und Unterstützung benötigen Kinder, die einen oder zwei psychisch erkrankte Elternteile haben? Eine andere Perspektive nimmt jetzt die Soziologin Silvia Krumm ein: Sie untersuchte den Kinderwunsch bei Frauen mit psychischen Erkrankungen, die selbst noch kein Kind haben. Im Rahmen einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Studie führte Krumm Interviews mit 17 Frauen über deren Familienplanung "zwischen individueller Verantwortung und sozialer Stigmatisierung".
Die hieraus hervorgegangene Dissertationsschrift der Mitarbeiterin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie II der Uni Ulm am BKH Günzburg liegt inzwischen auch als Buch vor. In "Biografie und Kinderwunsch bei Frauen mit schweren psychischen Erkrankungen", erschienen im Psychiatrie-Verlag (Bonn 2010, ISBN 978-3-88414-514-2), gibt Silvia Krumm anhand von fünf detaillierten Fallrekonstruktionen Einblick in die komplexen Fragen, vor denen die Frauen stehen. "Insbesondere für psychisch kranke Frauen ist die Entscheidung für oder gegen eine mögliche Elternschaft eine enorme Konfliktsituation", betont die Soziologin.
Silvia Krumm, die seit 2003 an der Arbeitsgruppe für psychiatrische Versorgungsforschung Ulm/Günzburg tätig ist, hatte festgestellt, dass sowohl in der psychiatrischen Behandlung und Rehabilitation als auch in der sozialpsychiatrischen Forschung das Thema "Kinderwunsch" bislang nahezu vollkommen ignoriert worden ist. "Das liegt vielleicht auch in der Ambivalenz des Themas selbst begründet", meint sie. Eine Mutterschaft könne sich positiv, aber auch negativ auf den Krankheitsverlauf der betroffenen Frau auswirken, "zudem bestehen zahlreiche Risiken für das potenzielle Kind".
Beitrag zu besserem Verständnis
Statt jedoch diese für viele Frauen lebensverändernde Frage auch weiterhin im Stillen zu lassen, interessierte sich Silvia Krumm für die Sichtweise der Frauen. "Meine Arbeit soll ein erster Beitrag zu einem besseren Verständnis der subjektiven Sicht psychisch kranker Frauen hinsichtlich eines zentralen Lebensbereiches sein."
Wichtig war ihr dabei auch, die sozialen Regeln und Normen freizulegen, die psychisch kranke Frauen in der Frage der Mutterschaft beeinflussen. "Tatsächlich existieren hochgradig normativ besetzte Werte. Das drückt sich zum Beispiel darin aus, dass gesellschaftlich als auch von vielen der betroffenen Frauen selbst wegen der psychischen Erkrankung Mutterschaft von vornherein ausgeschlossen wird." In der allgemeinen Wahrnehmung sind eine psychische Erkrankung und das Ideal einer "guten Mutter" nicht zu vereinbaren. Einige der befragten Frauen schließen das Thema daher für sich kategorisch aus, andere befristet nach Heilung der Krankheit.
Grundsätzlich sind die Frauen mit zahlreichen Fragen konfrontiert - von der eigenen Einschätzung, ob sie die Mutterrolle übernehmen können, über die Furcht, die psychische Erkrankung an das Kind weiterzugeben bis hin zur Frage der Einnahme von notwendigen Medikamenten während einer möglichen Schwangerschaft. "So wie die ungewollte Kinderlosigkeit für diese Frauen, die sich aufgrund ihrer Erkrankung dagegen entschieden haben, zu weiteren psychischen Belastungen führen kann, so kann ebenso ein erfüllter Kinderwunsch große Probleme mit sich bringen", sagt Silvia Krumm.
Während ihrer Forschungsarbeit wurde ihr deutlich, wie vielfältig die Fragen und Probleme sind, mit denen sich die betroffenen Frauen beschäftigen. "Mein Fazit ist auch, dass die psychiatrische Versorgung nicht mehr umhin kommt, die Bedeutung dieses Themas über die Frage einer sicheren Verhütung hinaus anzuerkennen und in die Behandlung einfließen zu lassen." (zg)