Leipheim Auf dem Münchner Nockherberg oblag ihm jahrelang eine schwere Aufgabe: die Darstellung des Guido Westerwelle beim traditionellen Politikerderblecken. "Einer muss es ja machen", sagt Holger Paetz gleich zu Beginn seines Gastspiels im Leipheimer Zehntstadel. Die körperliche Ähnlichkeit zwischen ihm und dem FDP-Vorsitzenden findet er schmeichelhaft - für Westerwelle.

In seiner kurzen Analyse der aktuellen politischen Situation lässt er kein gutes Haar an seinem Pendant: Statt des "gnomhaft krakeelenden Außenministers" wünschte er sich lieber einen Touristen in kurzen Hosen. Aber nicht nur im Bund ist Bemerkenswertes passiert, auch in Bayern: "Der bayerische Mensch hat erkannt, dass er nicht CSU wählen muss." Nach seinem kurzen Streifzug durch die politische Großwetterlage steigt Paetz - der aus Aschaffenburg stammende Wahl-Münchner - ein in seine "szenische Empörung", so der Untertitel seines Programms "Gott hatte Zeit genug". Hier regt er sich wenig über Politik auf, eher über gesellschaftliche Tendenzen. Schenkelklopfer gibt es nicht, dafür aber viele Schmunzler.
Leere Versprechungen
Paetz' Bühnenfigur sitzt in einem bistroartigen Café - oder ist es ein caféartiges Bistro? - und kundschaftet die Bank gegenüber aus. Diese will er ausrauben. Schließlich hat sie ihn mit Zertifikaten um sein Erspartes gebracht. Über das Gespräch mit dem Bankberater bemerkt er lapidar: "Ich meinte, ich hätte es verstanden." Aber nicht nur die leeren Versprechungen der Bänker hat er dick. Die ganze Welt ist voll von solch kreuzdämlichen Versprechungen. Ganz Europa wird jedes Frühjahr gezwungen, eine Stunde Zeit in die Sommerzeit zu investieren: "Toll, da isses abends länger hell!" Dabei wird uns dafür eine Stunde weggenommen. Dass sie später zurückgegeben wird, ist kein Trost: "Ich will keine finstere Nachtstunde zurück!"
Aber auch die Menschen, die auf die kreuzdämlichen Versprechungen hereinfallen, sind dem Spion im Café zutiefst zuwider: zum Beispiel die lauten Handytelefonierer. Oder junge Mütter, deren Kinderwagen Amphibienfahrzeugen gleichen. Oder Jugendliche, die demonstrativ ihre Getränke durch die Stadt tragen: "Ich dachte, die hätten sich von der Nuckelflasche weg entwickelt!" So kommt er schließlich auch zur Anklage gegen Gott: "Der hat in 24 Stunden nur einen einzigen Tag zustande gebracht!"
Am Ende des fulminanten Rundumschlags spendet das Publikum rasenden Applaus. Paetz bedankt sich für das "freundliche Geräusch" und erzählt als Zugabe von einer Floßfahrt mit der Belegschaft einer Münchner Zeitung. Der sengenden Sonne konnte nur durch immensen Konsum von Bier getrotzt werden. Die fesselnde Erzählung über dessen Auswirkungen ist der krönende Abschluss des Abends.
Jetzt bestellen! Das neue iPad inkl. e-Paper.
Artikel kommentieren
| Artikel bewerten: