Illertissen Hinterher war die Verwirrung groß, mancher Stadtrat fiel aus allen Wolken: Zwei Stunden lang hatte der Bau- und Umweltausschuss darüber debattiert, an wie vielen Tagen vom Illertisser Flugplatz aus die Fallschirmspringer in die Luft gehen dürfen. Ein Kompromiss war längst eingetütet: Wie bisher sollten sie an jedem Wochenende ihrem Sport nachgehen können, zusätzlich wurden ihnen 25 Tage unter der Woche zugestanden, die sie nach eigenem Gusto einteilen konnten. Doch dann brach bei der Abstimmung Verwirrung aus – und am Ende wurde den Himmelsspringern eine Genehmigung ohne Beschränkung erteilt. Das wollte Bürgermeisterin Marita Kaiser eigentlich nicht – dennoch hatte sie dafür gestimmt. Sie habe nicht damit gerechnet, dass plötzlich die Maximallösung verabschiedet würde, erklärte sie hinterher. Doch die könnte im Stadtrat gekippt werden. Dem Vernehmen nach arbeiten bereits einige Ratsmitglieder daran, den Beschluss noch einmal vom gesamten Gremium überprüfen zu lassen
Das Thema ist umstritten. Aus Tiefenbach hatte es schon länger Kritik an den Springern gegeben. Auch in anderen Ortsteilen gibt es Widerstand. So liegt der IZ ein Schreiben aus Jedesheim an die Bürgermeisterin vor, das sich kritisch mit diesem Sport und seinem akustischen Folgen auseinandersetzt.
Eine Beschränkung mit historischen Wurzeln
Bisher durften die Springermaschinen nur am Wochenende und an Feiertagen fliegen. Diese Beschränkung hat nach Darstellung von Udo Hörmann, Vorsitzender des Luftsportvereins Illertissen (LVI), „historische“ Gründe. Der Flugplatz bei der Jungviehweide liegt in der Einflugschneise der Laupheimer Heeresflieger. Da die Springermaschinen in 4000 Metern Höhe ihre menschliche Fracht absetzen, hätte es Probleme mit der Bundeswehr gegeben. Das war einmal.
Deshalb hatte der Luftsportverein 2007 den Antrag gestellt, zum einem die „Abflugmasse“ der Sprungmaschinen von 2000 Kilogramm auf 4000 zu erhöhen, zum anderen die Springzeitbeschränkung aufzuheben. Das Verfahren beim Luftamt Südbayern zog sich in die Länge. 2008 erlaubte der Bau- und Umweltausschuss Starts mit größeren Maschinen. Jetzt wollte die Behörde wegen der langen Verfahrensdauer noch einmal die Stadt Illertissen zu dem Thema hören.
Die Größe des Flugzeuges spielte in der Debatte keine große Rolle. Vizebürgermeister Josef Kränzle erinnerte daran, dass diese Entscheidung vor drei Jahren schon mit 10:1 gefällt worden sei. Deshalb dürfe jetzt kein Rückzieher gemacht werden. Wurde auch nicht, schwerere Maschinen wurden genehmigt.
Somit kann der Fallschirmsportclub Schwaben (FSC-S) sein vor drei Jahren bestelltes Flugzeug von Illertissen aus abfliegen lassen. Wie Robert Trögle, verantwortlich für den Sprungbetrieb des Vereins, erklärte, sei es mit einer Propellerturbine ausgerüstet, die dank geringerer Drehzahlen deutlich leiser sei als der klassische Kolbenmotor. Die Investition müsse nun auch abgearbeitet werden, argumentiert er: Denn „da stecken existenzielle Gelder“ der Mitglieder drin. Er versicherte dem Ausschuss, dass die Lärmbelastung nicht steigen werde. In 4000 Metern Höhe sei sie ohnehin vorbei. Seinem Verein geht es vor allem darum, auch unter der Woche Sprünge anbieten zu können, um „variabel“ zu sein, denn wegen schlechten Wetters müsste der Betrieb immer mal wieder ausfallen. Deshalb seien Ausweichmöglichkeiten nötig.
Bürgermeisterin Kaiser machte sich für die Springer stark, denn die seien auch „existenzsichernd“ für den Luftsportverein, dessen Flüge stark zurückgegangen seien. Deshalb habe der LVI eine Alternative gesucht und im FSC-S gefunden. Josef Kränzle sprach sich im Namen der Freien Wähler für unbeschränkte Sprungzeiten aus und argumentierte, „die dürfen doch unter der Woche starten und landen wie sie wollen, dann sollen sie auch rausspringen dürfen“. Dem wollten sich Vertreter anderer Fraktionen nicht so ohne Weiteres anschließen, beispielsweise Jürgen Eisen von der CSU. Man müsse schließlich auch an die Bevölkerung denken, denn „unter der Woche zieht das sonst Springer aus ganz Süddeutschland an“. Doch mit einem Kompromiss konnten sich er und die Mehrheit seiner Fraktion anfreunden. 25 Wochentage sollte es zusätzlich zu freien Verfügung geben. Diesem Antrag von Marianne Schuler (SPD) gab auch die CSU ihr Okay, wobei Franz Münzenrieder ausscherte, weil er beim Springen unter der Woche keine Probleme sah. So hob er die Hand, als zunächst über eine unbeschränkte Genehmigung abgestimmt wurde, ebenso wie die drei von der FWG. Überraschend war auch Marianne Schuler dafür und die Bürgermeisterin. Die erklärte hinterher der IZ, sie wäre eigentlich für den 25-Tage-Kompromiss gewesen, weil die Stadt dann mehr Kontrolle gehabt hätte. Bei der Abstimmung habe sie aber nicht mit einer Mehrheit für die Maximallösung gerechnet. Aber im Grunde genommen mache eine Freigabe oder eine Beschränkung keinen Unterschied.
Der Springerklub versicherte der IZ, er werde dennoch nur an einer beschränkten Anzahl Tage springen. Schließlich seien die Mitglieder ja berufstätig.