Kirchhaslach-Olgishofen Wie nahe Leben und Tod beieinanderliegen, das zeigt die Geschichte von Marc Helfer. Vergangenen Juni kam Marc bei einem Autounfall ums Leben. Doch mit seinem Tod schenkte der 20-Jährige vier Menschen neuen Lebensmut. Marc hatte einen Organspende-Ausweis.
Wenn Erika Helfer (45) aus Olgishofen an diese Menschen denkt, macht das den Schmerz über den Verlust ihres Sohnes ein wenig erträglicher. Öffentlich wurde Marcs Geschichte kürzlich durch ein Gewinnspiel des Radiosenders Antenne Bayern.
Seine Schwester Jessica hatte die Idee, die Rechnung für Marcs Grabstein an den Radiosender zu schicken. Dort werden derzeit täglich Rechnungen von Hörern gezogen, die der Sender dann bezahlt. Prompt war eine dieser Rechnungen die der Helfers. Am Telefon erzählte Mutter Erika dem Moderator Wolfgang Leikermoser und Tausenden Hörern von ihrem Sohn und von der Organspende. Die Resonanz darauf war groß. Marcs Geschichte regte zum Nachdenken an.
9582 Euro hat der Grabstein gekostet. Ein geringer Wert im Vergleich zu dem, was Marc gegeben hat. Von vier erfolgreichen Organübertragungen berichtete die Deutsche Stiftung Organtransplantation der Familie Helfer in einem Brief: Ein Mann erhielt eine Niere. Die zweite Niere und die Bauchspeicheldrüse wurden einem 43-Jährigen aus Baden-Württemberg transplantiert. Marcs Leber bekam ein zwölfjähriger Bub, der aufgrund einer angeborenen Krankheit einen akuten Leberausfall erlitten hatte. Das Herz wurde einem 41-Jährigen aus Belgien übertragen, der zuvor ein Kunstherz hatte.
Doch die Entscheidung, Marcs Organe zur Transplantation freizugeben, war für Erika Helfer nicht leicht. Es war die Nacht vom 1. auf den 2. Juni. Marc war mit Freunden unterwegs. Sein Auto hatte er daheim gelassen. „Irgendwie verspürte ich in dieser Nacht so eine Unruhe“, sagt Erika Helfer. Als ihr jüngerer Sohn nach Hause kam, erzählte er von vielen Sankas. In Engishausen sei etwas Schlimmes passiert. Um 2 Uhr standen dann Polizei und ein Seelsorger bei Familie Helfer vor der Tür.
„Ich habe gehofft, dass es sich um eine Verwechslung handelt“
Erika Helfer konnte es erst gar nicht fassen: „Ich habe gehofft, dass es sich um eine Verwechslung handelt.“ All diese Fragen, die ihr heute noch manchmal in den Sinn kommen: Was wäre gewesen, wenn er selbst gefahren wäre? „Daran darf ich gar nicht denken. Das macht mich sonst verrückt“, sagt sie.
In der Uniklinik Ulm wurde Marc von Geräten am Leben gehalten. „Er sah aus, als würde er schlafen.“ Doch für die Ärzte war klar: Er wird nicht überleben. Marc hatte schwere Kopfverletzungen erlitten. Zwei Tests bestätigten, dass sein Gehirn keinerlei Reaktionen mehr zeigte.
Die Eltern wurden gebeten, seine Organe freizugeben. Erika Helfer wusste, dass ihr Sohn einen Organspende-Ausweis hatte. „Ich weiß gar nicht, wie er damals darauf kam“, erzählt sie. Aber eines Tages habe ihr Marc – er war damals 16 Jahre alt – den Ausweis gezeigt. Die Helfers wollten dem Wunsch ihres Sohnes nachkommen und gaben ihr Einverständnis. Ein letztes Mal besuchten sie ihn zusammen mit einem Pfarrer. Abends, am 3. Juni, wurden die Organe entnommen.
Am 4. Dezember würde Marc 21 Jahre alt werden. Erika Helfer graust vor dem Tag – und ihr graust vor Heiligabend: „Wir waren noch nie an Weihnachten getrennt.“
An Allerheiligen hatten viele Leute Blumen an das Grab gestellt. „Es tut gut zu sehen, dass ihn seine Freunde nicht vergessen haben“, sagt Marcs Mutter. Morgen soll der neue Grabstein kommen. „Doch die Anteilnahme der Menschen, nachdem sie im Radio von Marc erfahren haben, die ist mir viel mehr Wert, als der bezahlte Stein“, sagt Erika Helfer.