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Serie: „Niemand ist talentfrei“

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„Niemand ist talentfrei“

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    Hubert Rendle hat meistens gute Laune. Kein Wunder: Er hat zwei Jobs, die er gerne ausübt. Rendle ist Schreinermeister und unterrichtet außerdem die Praxisklasse der Mittelschule Babenhausen.
    Hubert Rendle hat meistens gute Laune. Kein Wunder: Er hat zwei Jobs, die er gerne ausübt. Rendle ist Schreinermeister und unterrichtet außerdem die Praxisklasse der Mittelschule Babenhausen. Foto: Büchele

    Babenhausen Am Anfang ist es ein einfaches Stück Holz. Doch wenn Schreinermeister Hubert Rendle es in den Händen hat, wird es zu etwas Nützlichem – zu einem Möbelstück zum Beispiel. Ähnliches tut er – zusammen mit einem Pädagogen- und Betreuerteam – in der Praxisklasse der Babenhauser Mittelschule. „Hier modelliere ich Menschen“, sagt der 49-Jährige: „Dabei muss ich jeden einzelnen Charakter berücksichtigen.“

    Von dieser Aufgabe erzählt er voll Begeisterung und Überzeugung. „Ich habe das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Das macht mich zufrieden.“ Zufrieden ist Rendle besonders dann, wenn er einen ehemaligen Schüler nach Jahren wieder trifft und sieht: Aus dem ist was geworden.

    „Die Praxisklasse ist für diese Jugendlichen die letzte Chance“, sagt der Schreinermeister und Ausbilder. Ohne diese Möglichkeit würden diese jungen Leute nach der Schulzeit wohl bei einem Amt anklopfen, vermutet er: „Sie würden den Staat eine Menge Geld kosten.“ Aus der Praxisklasse hingegen gehe kein Schüler ohne Perspektive.

    Sein Wissen weiterzugeben ist für Rendle Bestandteil des Handwerker-Ehrenkodexes. „Ich hatte einst das Glück, den Beruf zu lernen, den ich schon immer ausüben wollte.“ Dank einer guten Ausbildung hatte er die Chance, aus seinem Leben etwas zu machen. Diese Chance sollen in seinen Augen alle haben, auch die, die sich in der normalen Schule schwer tun. „Junge Leute sind sehr viel Wert. Sie sind unsere Zukunft“, betont Rendel.

    Als der Babenhauser Bürgermeister Otto Göppel ihn vor drei Jahren fragte, ob er die Praxisklasse unterrichten würde, überlegte er nicht lange. „Ich habe zwei Praxistage miterlebt, eine Nacht drüber geschlafen und dann Ja gesagt.“ Mit Kindern und Jugendlichen hat Rendle auch im Sportverein zu tun. Trotzdem beschreibt er seinen Start bei der Praxisklasse als einen Sprung ins kalte Wasser, den er vor allem dank der Unterstützung seiner Mitstreiterinnen gemeistert hat. „Im Praxisklassen-Team bin ich der einzige Mann“, sagt Rendle. Deshalb ist er gerade für die Jungs ein wichtiger Ansprechpartner: „Da führen wir auch mal Gespräche von Mann zu Mann.“

    Rendle versteht sich nicht als Lehrer: „Ich begleite die Jugendlichen nicht aus der Schule heraus, sondern in die Arbeitswelt hinein.“ Immer mittwochs hat die eine Hälfte der Klasse Hauswirtschaft, die andere ist zusammen mit dem Schreinermeister in der Werkstatt. Am Tag vorher werden technische Zeichnungen angelegt, am Tag nachher wird das Geschaffene theoretisch aufbereitet, zum Beispiel in einem Berichtsheft.

    Neben Theorie und Praxis ist für Rendle aber noch etwas anderes sehr wichtig: Er versucht, das Selbstvertrauen der Schüler zu stärken. Bevor sie in die Praxisklasse kamen, waren sieben Schuljahre geprägt von Misserfolgen. „Wir müssen die Jugendlichen von dem Gefühl befreien, zu nichts zu taugen.“ Denn in einem Punkt ist sich Rendle sicher: „Niemand ist talentfrei. Man muss das Talent nur finden.“ Dazu erzählt er: Beim Weihnachtsmarkt in der Mittelschule verkaufte die Praxisklasse selbst Gebasteltes. Aber die Schüler wollten nicht, dass am Stand das Schild „Praxisklasse“ hängt. „Es war ihnen peinlich.“ Doch dann war der Stand im Nu ausverkauft, die Aktion war ein voller Erfolg. Das nächste Mal, als ein Verkauf stattfand, sagten alle sofort: „Wir müssen ein Schild am Stand anbringen.“

    Bayernweit einzigartig: Klasse über zwei Jahre

    „Aufrecht zu gehen und sich nicht zu verstecken“ – das will Rendle den Schülern mitgeben. Dafür bietet die Babenhauser Praxisklasse perfekte Voraussetzungen, findet er. Die Unterrichtsräume sind aus dem Schulhaus ausgegliedert im Industriegebiet. Die Jugendlichen sind also raus aus dem „Haifischbecken“, wie Rendle es nennt. Sie können nicht mehr in den Pausen von besseren Schülern gepiesackt werden. Ein weiterer Aspekt ist in Babenhausen bayernweit einzigartig: Die Schüler haben viel Zeit, auf ihr Ziel hinzuarbeiten. So ist die Babenhauser Praxisklasse die einzige in Bayern, die über zwei Jahre besucht werden kann. „Die Jugendlichen brauchen Zeit, sich an die neue Situation zu gewöhnen“, sagt Rendle. Und das Betreuerteam brauche Zeit, das Vertrauen der Schüler zu gewinnen. Im zweiten Jahr könne man das Tempo dann anziehen und auf den Schulabschluss hinarbeiten. Obwohl die Praxisklasse erfolgsversprechend ist – laut Rendle hat sie noch kein Schüler ohne Ausbildungsplatz in der Tasche verlassen – trotzdem zögern manche Eltern, ihr Kind dorthin zu schicken. „Manch einer denkt sich vielleicht, wie erkläre ich das nur den Nachbarn.“ Doch im Nachhinein seien die meisten Eltern froh, diesen Weg gewählt zu haben. „Wir nehmen ihnen ein ganzes Paket aus den Händen. Die Schüler lernen bei uns Selbstverantwortung.“ Rendle beschreibt sich als meist gut gelaunt und nicht nachtragend. Und das sei auch wichtig in diesem Job. „Wenn es mal Ärger mit einem Schüler gibt, reden wir drüber. Dann ist es aber auch wieder gut.“ Getrübt wird Rendles gute Laune aber, wenn er von der Förderung der Praxisklasse spricht. „Sie schwebt wie ein Damoklesschwert über uns“, sagt er. Denn es könnte durchaus passieren, dass die EU den Geldhahn zudreht. Was dann aus der Praxisklasse wird, sei ungewiss.

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