Landauf, landab wird in diesem Jahr ein großer deutscher Dichter gefeiert: Heinrich von Kleist („Michael Kohlhaas“, „Das Käthchen von Heilbronn“). Vor 200 Jahren starb er. In der Straße jedoch, die in Illertissen seinen Namen trägt, ist keineswegs allen zum Feiern zumute. Sie empfinden den Namen von Kleist als Makel, fühlen sich ausgegrenzt und abgehängt. Uwe Schütze und seine Frau Dagmar würden am liebsten von heute auf morgen wegziehen, sagen sie, doch für ihre Wohnung bekommen sie offenbar bei Weitem nicht mehr das Geld, das sie einmal hineingesteckt haben: „Die ist nichts mehr wert“, klagen sie. Vor Jahren sind sie aus Leonberg an den Illertisser Stadtrand gezogen und haben es bereut. „Wir sind sehr enttäuscht.“
Was sie um ihre Ruhe bringt, sind vor allem die Kinder und Jugendlichen aus der Nachbarschaft. Die seien laut, bis in die Nacht hinein, vor allem zur warmen Jahreszeit. Auch ihre Nachbarin Angelika Strauch empfindet das so. „Man hat im Frühjahr schon Angst vor dem Sommer“, sagt sie. Dann seien auch noch Zehnjährige um Mitternacht auf der Straße. Wer arbeite, müsse doch schlafen, aber: „Wie soll man denn bei dem Lärm schlafen?“ Auf dem Spielplatz nebenan, dem einzig verbliebenen in der Siedlung, tummelten sich nach Beobachtung der Schützes bis zu 50 Kinder. Wenn man zu denen etwas sage, werde man nur beschimpft – und zwar mit groben Ausdrücken aus der untersten Schublade. Sein Wohnmobil, erzählt Uwe Schütze, sei schon nach zwei Tagen zerkratzt gewesen. Als er geschimpft habe, seien anschließend ein Spiegel und die Scheibenwischer kaputt gewesen. „Da traust du dich ja nichts mehr zu sagen.“ Um etwas Ruhe zu bekommen, fahre er mit seiner Frau am Wochenende weg. Die Straße sei mittlerweile zur Müllhalde geworden.
Ruhe findet auch der Rentner Ulrich Schöb mit seinen 85 Jahren nicht mehr. Er war einst an den Stadtrand gezogen, um es etwas stiller zu haben: „Ich dachte, ich habe ein ruhiges Leben.“ Damit ist es seit geraumer Zeit vorbei, findet er als Anwohner des Spielplatzes. Auch er klagt über den Krach und nicht nur darüber, dass mal ein Ball über den Zaun fliegt – manchmal landet auch ein Fahrrad bei ihm auf dem Rasen.
Solche Klagen sind nicht neu, die gab es in der Von-Kleist-Straße schon vor rund zehn Jahren. Dort waren „geförderte Wohnungen“ hochgezogen worden, die früher schlicht „Sozialwohnungen“ genannt wurden. Ständig gab es Probleme, vor allem mit Jugendlichen. Das hat den Ruf der Straße nachhaltig geschädigt. Deshalb sagt Schütze auch, er tue sich schwer, Handwerker zu bestellen, denn die würden abwinken, wenn sie den Straßennamen hören.
Ohnehin ist er auf viele nicht gut zu sprechen, beispielsweise auf die Polizei, die sich viel zu selten blicken lasse. Und wenn, dann am Tage, wenn es nichts bringe. Jugendpfleger Lothar Girrbach komme längst nicht mehr vorbei. Früher sei er noch regelmäßig erschienen. Von der Stadtverwaltung erwartet sich Uwe Schütze ebenfalls nichts mehr, denn im Rathaus habe er schon öfter mit seinen Sorgen und Problemen vorgesprochen, ohne Ergebnis. Deshalb sagt er bitter: „Wir fühlen uns alleine gelassen, wir fühlen uns verarscht.“
Illertissens Polizeichef Helmut Moser will den Vorwurf der Untätigkeit nicht auf sich sitzen lassen. „Wir reagieren, wenn etwas vorliegt“, betonte er gegenüber unserer Zeitung, „die Straße ist nicht unproblematisch, das wissen wir.“ Natürlich führen seine Kollegen Streife, aber eben nicht ständig. Außerdem: „Wir leben noch nicht in der Bronx.“
Jugendpfleger Lothar Girrbach beteuerte auf Anfrage, dass er die Straße im Blick habe. In jüngster Zeit habe er allerdings etwas weniger Zeit gefunden, sich um das Viertel zu kümmern. Dennoch sei er immer mal wieder dort. Allerdings ist es dort seiner Beobachtung nach deutlich ruhiger geworden als früher, was Polizeichef Moser bestätigt. Vor acht Jahren seien dort noch 200 Kinder und Jugendliche gezählt worden. Wenn es warm werde, dann treffen sich eben Jugendliche im Freien, argumentiert Girrbach, das gelte aber ebenso für den Bahnhof, den Weiher und den Marktplatz. Er appelliert an die Erwachsenen, nicht oberlehrerhaft mit den jungen Leuten zu reden, denn dann werde nichts erreicht. Andererseits seien auch Erwachsene nicht frei von Fehlern.
Christian Frimmel, Geschäftsführer der Illertisser Wohnbau GmbH, der in der Straße 31 Wohnungen gehören, ist ebenfalls der Meinung, dass es in der Siedlung deutlich ruhiger geworden ist. Klagen sind ihm keine mehr zu Ohren gekommen, sondern eher im Gegenteil. Und er verweist auf zwei Frauen, die ihm erst neulich gesagt hätten, dass sie gerne dort wohnen. Andererseits beteuert er, dass nicht alle Menschen mit geringerem Einkommen automatisch „Radaubolzen“ seien. Es seien weniger die Mieter der Wohnbau, als die Bewohner von anderen Häusern, die für Unruhe sorgten. „Unsere Mieter sind nicht problematischer als andere.“
Er findet grundsätzlich, das Wohngebiet Von-Kleist-Straße solle nicht verteufelt werden, und: „Wir sind nicht der richtige Ansprechpartner für Nachbarschaftsstreitigkeiten.“