Illertissen/Ulm In ihrem Büro stapeln sich Berge von Akten und die Hotline läuft täglich heiß: Verzweifelte Leute rufen bei Karin Thomas-Martin und ihren Kollegen von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg an, um Rat zu suchen, wie man sich gegen Telefonbetrüger wehren kann, die im großen Stil immer mehr Menschen belästigen und im Erfolgsfall mächtig abzocken.
"Das ist eine Seuche", sagt die Telekommunikationsexpertin und kann sich auch nach zwanzigjähriger Berufserfahrung als Verbraucherberaterin nicht beruhigen. Hat der Gesetzgeber mal gehandelt, um dieser Spezies von Gaunern das Handwerk zu legen, verlagern sie auf neue Maschen, die juristisch noch Niemandsland sind.
Nur selten gelingen Ermittlungserfolge
Nur selten gelingt es der Polizei, solche betrügerischen Callcenter auszuheben, die mit sündhaft teuren 0900-Servicenummern operieren. Da werden Leute, deren Daten zum Teil schon im Abzocker-Milieu gekauft worden waren, angerufen, sie hätten bei einem Glücksspiel ein Luxusauto gewonnen. Sie müssten nur über die 0900-Nummer zurückrufen.
Tausende machen bei dem Deal mit, hängen in Warteschleifen und wundern sich am Monatsende über horrende Telefonabrechnungen. Die Bonner Bundesnetzagentur erlebt eine bisher noch nie da gewesene Anzeigenflut von Januar 2010 bis heute gegen Telefonwerber. Ihr trauriges Resümee: "Betrogene Verbraucher, die ihr Geld zurück verlangen wollen, stehen diesen Firmen rechtlos gegenüber, weil die Hintermänner im Ausland sitzen, wo sie Scheinfirmen gründen".
Selten gelingt es der Polizei, solchen Betrügerbanden wie in Essen auf die Spur kommen, die innerhalb von sieben Monaten mehr als über 80 000 Personen bundesweit mit der Gewinnspielmasche getäuscht und rund zehn Millionen Euro ergaunert hat. 64 Männer und Frauen wurden festgenommen.
Allein bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sind 4000 Beschwerden von geprellten Telefonbesitzern allein in den letzten drei Monaten registriert.
Karin Thomas-Martin weiß über die Aufdringlichkeit der Callcenter ein Liedchen zu singen, die einen "Kunden" am Telefon so lange umgarnen, bis ihnen ein "Ja" entlockt werden kann. Dieses Ja, auf Band aufgenommen, kann nach geltender Rechtslage als Zustimmung zu ei-nem Vertrag gewertet werden. Oft haben die Gauner die Bankdaten schon vorab besorgt, sodass nun ungeniert vom Konto abgebucht werden kann. Beliebte Zielgruppen sind Rentner und Ausländer.
Karin Thomas-Martin berichtet vom Fall einer hochbetagten Pflegeheimbewohnerin, die bei einer solchen Abzocke 20 000 Euro verloren hat, die sie sich über Jahre hinweg eisern erspart hatte. Gut, dass sich die erwachsenen Enkelkinder bei der Verbraucherzentrale in Ulm gemeldet haben. Die Lastschriften konnten allesamt rückgängig gemacht werden.
Ganz perfide gehen die Abzocker bei ihren Anrufen vor, wenn sie suggerieren, man habe schon einen Vertrag für ein Gewinnspiel, für den Gewinn benötige man nur noch die Endziffer der Kontonummer.
Wer dann verzweifelt fragt, wie man aus dem (nicht vorhandenen) Vertrag herauskomme, dem wird offeriert: "Wenn sie noch drei Monate mitspielen, dann wird der Ver-trag aufgelöst". Nicht selten wird dann dem Opfer eine "Aufnahmebestätigung" z. B. eines "Verbraucher Werbeschutzbund e.V." zugesandt, der verspricht, für eine Gebühr von "nur 89 Euro einmalig" gegen unerlaubte Werbung und Datenmissbrauch vorzugehen. Karin Thomas-Martin: "Das ist perfide und oft melden sich die Abzocker auch als Verbraucherzentrale."
Hilfe ist in Sicht, wenn die Politik reagiert und ein Vorschlag des baden-württembergischen Verbraucherschutzministers Rudi Köberle zum Tragen kommt: Jeder am Telefon abgeschlossene Vertrag bedarf einer nachfolgenden schriftlichen Bestätigung. Bis dahin hat Karin Thomas-Martin noch alle Hände voll zu tun, Schadensbegrenzung an der Hotline anzubieten.
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