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02. September 2010 20:30 Uhr

Große Neugierde und harte Kritik

Landkreis Mehmet Pekince ist verärgert. Er fühlt sich gedemütigt und lässt seinem Frust freien Lauf. "Das ist so nicht hinnehmbar, das ist grauenhaft", lautet sein Urteil über das umstrittene Buch von Thilo Sarrazin "Deutschland schafft sich ab". Bundesbank-Vorstand Sarrazin kritisiert darin unter anderem die mangelnde Integration von Migranten, vor allem von Türken. Von Angela Effenberger

Das Buch des Anstoßes: In "Deutschland schafft sich ab" vertritt Thilo Sarrazin die Meinung, dass die Ausländer in Deutschland schlecht integriert sind. Dafür hagelt es Kritik, auch von Politikern aus der Region. Doch die Nachfrage nach dem Buch ist enorm, wie die leeren Regale in den Buchhandlungen im Landkreis zeigen. Foto: ddp
Foto: ddp

"Dieses Buch wird noch mehr Gräben öffnen", ist sich Pekince, der Geschäftsführer der türkischen Privatschule in Jettingen-Scheppach ist, sicher. Aber er glaubt auch, dass die aktuelle Debatte in der Gesellschaft eine gesunde Diskussion zum Thema Integration anregen wird und somit nach Lösungen gesucht wird.

"Es gibt viele Migranten, die noch nicht integriert sind", gibt er zu. Wichtig sei es, diese Menschen "an Bord zu holen". Er bemängelt, dass die Integration zu einseitig verläuft. "Auch von der einheimischen Gesellschaft muss etwas kommen. Man erwartet zu viel von einer Seite", sagt er. Die Sarrazin-Thesen bestärken den Geschäftsführer einer türkischen Privatschule aber auch in seiner Arbeit. "Wir bringen unseren Beitrag, indem wir die Bildung der Migranten an unserer Schule voranbringen", sagt er.

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Auch aus der Politik hagelt es Kritik am SPD-Mitglied Sarrazin. "Er schießt über das Ziel hinaus", urteilt die SPD-Kreisvorsitzende Mine Waltenberger-Olbrich. Doch ganz aus der Luft gegriffen seien die Aussagen von Sarrazin nicht, ergänzt sie. "Wir haben große Defizite in der Integration", sagt sie. Dass es noch viel zu tun gebe, zeige die aktuelle Debatte. Dennoch stellt sie klar: Die Ursachen, die Sarrazin für die mangelnde Integration nennt, seien "absurd".

"Damit gefährdet er eine sinnvolle Debatte über das Thema Integration", ist sich die SPD-Kreisvorsitzende sicher. Dabei sei gerade eine konstruktive Diskussion darüber wichtig. Denn auch im Landkreis Günzburg müsse man sich mit dem Thema noch intensiver auseinandersetzten. "Wir sind von Integration noch sehr weit entfernt. Wir haben uns da in den letzten Jahren eher rückwärts bewegt", sagt Mine Waltenberger-Olbrich.

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises Ekin Deligöz hat sich Sarrazins Pressekonferenz persönlich angesehen - und war "entsetzt", wie sie sagt. "Natürlich gibt es Probleme mit Muslimen und anderen Einwanderern. Aber Sarrazin hat keinerlei Antworten. Sollen wir denn alle aus dem Land schicken?", fragt sie sich. Am meisten ärgert sich die deutsch-türkische Muslimin darüber, dass Sarrazin die Einwanderer über einen Kamm schert: "Solche Leute wie mich dürfte es nach seinem Bild gar nicht geben. Dabei gibt es viele Beispiele für gelungene Integration", sagt sie. Sarrazin aber sehe nur Ausweglosigkeit.

Gleiche Chancen geben

Es gehe aber darum, den Kindern, die hier aufwachsen, gleiche Chancen zu geben. Schon allein die Einführung der Ganztagsschule und kleinerer Klassen habe den Notendurchschnitt deutlich verbessert. "Es gibt Probleme - aber die Lage ist nicht so ausweglos, wie Sarrazin sie darstellt. Wir können etwas dagegen tun", so die Abgeordnete.

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