Der Leichnam im Pariser Pantheon, der Name in Stein gemeißelt: Jean-Jacques Rousseau, Wegbereiter eines neuen Verständnisses von Freiheit und Gerechtigkeit, Säulenheiliger der Aufklärung. Deckel zu – Denker tot? Von wegen. Dieses Leben, das am 28. Juni 1712 in Genf begann, hat so viel zu erzählen, das über den Lexikonartikel hinausgeht; das, in eine heutige Zeitung übertragen, für alle Ressorts etwas böte – von der Politik bis zum Sport.
Politik
„Der Mensch ist frei geboren, und liegt doch überall in Ketten.“ Der erste Satz in seinem „Gesellschaftsvertrag“ ist gleich ein Donnerschlag, die im Anschluss formulierte Vision eine, die gerade in Zeiten des Politverdrusses, von Occupy, der Debatten über direkte Demokratie, brisant ist. Für Rousseau setzt die politische Entfremdung des Menschen bereits dort an, wo es Parlamente gibt: „Sobald sich ein Volk vertreten lässt, ist es nicht mehr frei.“
Der Bürger soll direkt teilhaben an der Bildung des „Gemeinschaftswillens“. Nur so bedingen Freiheit des Einzelnen und Verantwortung für die Gemeinschaft einander gegenseitig, sind Gleichheit und Freiheit möglich, herrscht Gerechtigkeit. Dann ist der Mensch, was er gemäß seiner Natur sein kann: ein guter Mensch, von Tugend und Selbstliebe. Allerdings weiß Rousseau: Umsetzbar ist das nur in kleinen Gemeinschaften.
Panorama
Auch das lässt sich über diesen einen Menschen erzählen: Trieb sich ein Jüngling abends durch die Gassen, lauerte Frauen auf, entblößte sein Hinterteil, forderte sie auf, draufzuschlagen … Gab der Autor eines berühmten Buchs über Erziehung („Émile“) die eigenen fünf Kinder allesamt ins Heim, weil die gesellschaftlichen Umstände verunmöglichten, diese menschenwürdig zu erziehen … Ehelichte ein Herr von Rang eine einfache Frau, blieb ihr Mann und blieb ihr untreu …
Wirtschaft
Ein armes, talentiertes Waisenkind steigt durch Mäzene und Netzwerke zur intellektuellen Elite auf. Erfolgreich wird er durch seine Werke, vor allem in den Jahren 1761/62, als das die Standesmoral in Zweifel ziehende „Die neue Héloise“, „Émile“ und „Der Gesellschaftsvertrag“ erscheinen. Zum Star aber wird der Autor durch den Skandal. Das Erzürnen der Obrigkeiten, die öffentlichen Streitigkeiten mit einem anderen Star (Voltaire), das Gebärden zwischen Menschenflucht und Beliebtheitssehnsucht, dazu das eigenwillige Auftreten etwa in armenischer Tracht – ein wahrer Superstar.
Gesundheit
Wie sich der Verlust, den ein Kind erleidet, wenn die Mutter unmittelbar nach der Geburt stirbt, zu einem lebenslangen Schuldkomplex verfestigen kann. Ob die dadurch fragile Bindung zur Außenwelt sich besonders leicht in Paranoia verwandelt. Und ob mit Verfolgungswahn öfter einhergeht, dass der Betreffende dann auch wirklich verfolgt wird?
Kultur
Rousseau hat Lieder komponiert, eine komische Oper verfasst, seine Theaterstücke auch inszeniert. Vor allem aber sind seine Bücher nicht etwa in systematischer Strenge formuliert. Er war Literat, der zwar zugleich aufklärerisch an die Vernunft appelliert, das Gefühl beschwört und die romantische Hinwendung zur Natur initiiert. Aber seine „Héloise“ etwa ist eben auch ein Liebesroman. Das alles ließe sich besprechen.
Aber über das Zentrale wäre damit noch gar nichts gesagt. In Jean-Jacques Rousseau scheint zuallererst in aller Klarheit auf, was der Philosoph Robert Spaemann in seinem Buch über den Denker „Das Dilemma der Moderne“ nannte. Rousseau nämlich arbeitet hellsichtig die Werte jenseits von Geld und Macht heraus, als Ideale des Menschseins, die in einem Ziel sich einen: „le sentiment d’existence“ – das eigentliche, das reine Empfinden des Daseins.
Jean-Jacques Rousseau: Der moderne Mensch lebt in unvereinbaren Widersprüchen
In diesem Gefühl fänden Bürger und Subjekt zusammen. Doch Kultur und Wissenschaft haben ihn von seiner Natur und dem Wesen des Zusammenlebens entfremdet. Und so lebt gerade der moderne Mensch in unvereinbaren Widersprüchen, ist zerrissen zwischen Leidenschaften und Pflichten, Glauben und Wissen, seinem Mensch- und seinem Bürgersein. Rousseaus Leben kann exemplarisch dafür gelesen werden: in seinem Alterswerk „Bekenntnisse“.
Darin beschreibt er aber auch die Freiheit, die er fand. Im Herbst 1765, als er sich an den Bieler See zurückzieht. In einem treibenden Boot vor sich hin träumend. Das „verfolgerische Reale“, wie es Peter Sloterdijk in „Streß und Freiheit“ nennt, wird entmachtet. Es herrscht: „die reine Subjektivität“, weil der Mensch hier für die Welt unbrauchbar, nutzlos ist. Das ist weder Rückzug in die Gartenlaube noch Ansatz für gesellschaftlichen Umsturz. Es ist der Rückzug aus der Welt, in der die Ideale nicht umsetzbar sind – es ist die Geburt des modernen Ich. Ein reines Daseins-Empfinden abseits der Wirklichkeit als größtmögliches, weil einzig mögliches Glück.
Sport
„Vor allem wegen der Seele ist es nötig, den Körper zu üben, und gerade das ist es, was unsere Klugschwätzer nicht einsehen wollen.“