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Filmkritik zum Kinostart: "Eine offene Rechnung": Professionelle Lebenslügen

Filmkritik zum Kinostart

"Eine offene Rechnung": Professionelle Lebenslügen

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    Psychogramm einer langsamen Zermürbung: In einer Ostberliner Wohnung warten die israelischen Agenten (Jessica Chastain und Sam Worthington).
    Psychogramm einer langsamen Zermürbung: In einer Ostberliner Wohnung warten die israelischen Agenten (Jessica Chastain und Sam Worthington). Foto: Foto: Majestic

    Als die Journalistin Sarah Gold (Romi Aboulafia) 1997 einen Bestseller über ihre Mutter und ihre Geheimdiensteinsätze präsentiert, treffen die Mossad-Veteranen Rachel (Helen Mirren), David (Ciarán Hinds) und Stefan (Tom Wilkinson) nach Jahren wieder aufeinander: 1965 hatten sie den „Chirurgen von Birkenau“ (Jesper Christensen) in Ostberlin aufgespürt und gekidnappt, um ihn wie einst Eichmann vor ein israelisches Gericht zu bringen. Doch die Flucht über die DDR-Grenze scheitert. Vogel wird bei einem Fluchtversuch von Rachel erschossen, so die offizielle Version.

    Nur die drei Agenten (Jessica Chastain, Sam Worthington, Marton Csokas) – und Vogel – wissen, was wirklich geschah. Und deshalb werden sie nervös, als ein Journalist in der Ukraine behauptet, er hätte Vogel in einem Altersheim ausfindig gemacht…

    Virtuos pendelt Regisseur John Madden („Shakespeare in Love“) in seinem Thriller „Eine offene Rechnung“ zwischen den Spielzeiten, in denen er zunächst zielsicher die Schichten dreier Lebenslügen abschält und ihre Dreiecksbeziehung ins Spannungsfeld ihres ersten Geheimdienst-Einsatzes stellt. Beinahe genüsslich wirkt das Psychogramm einer langsamen Zermürbung in einer heruntergekommenen Ostberliner Mietwohnung, während die drei Kidnapper mit ihrem Gefangenen auf Hilfe aus dem Westen warten.

    Eine offene Rechnung (Trailer)Den glamourösen Gegensatz zur schmutzigen und feuchten Vergangenheit bildet die israelische Gegenwart im gehobenen Luxus einer erfolgreichen Existenz als Heldenikonen des israelischen Staates. Wie brüchig das Publicity-gerechte Image ist, zeigt sich im zerknitterten Anzug und den zerfahrenen Gesichtszügen von David, der sich kurz darauf das Leben nimmt.

    Helen Mirren zwischen kalter Rächerin und mutiger Mutter

    Madden gelingt es mühelos, die menschlichen und politischen Abgründe einer vertuschten Einsatzpleite in Szene zu setzen. Dass er schließlich Rachel noch einmal auf die Jagd nach Vogel in die Ukraine schickt, ist nicht nur visuell konsequent (gleißendes Winterweiß vor schäbigem Krankenhausinventar). Mirren als Einzelkämpferin alterniert zwischen kalter Rächerin, mutiger Mutter (die die Karriere ihrer Tochter schützt) und jener Frau, die sie einst war, als sie moralische Barrieren besaß. Beeindruckend, wie sie Schuld und Getriebenheit ihrer Rachel immer wieder aufblitzen lässt, nur um in den kurzen Eruptionen von Gewalt wie eine Maschine zu agieren.

    Großartig gespielt, nur ein wenig zu aufgesetzt, ist auch Jesper Christensens Vogel, der bis zuletzt von dämonischer Durchtriebenheit beseelt ist. Gerade das mörderische Finale ist ein Geschenk an den Kommerz, denn Madden folgt hier sehr den Konventionen, wie sie für Agententhriller üblich sind. Das Resultat gibt ihm allerdings Recht. Das Agentendrama liefert zwar keine Hightech-Explosionen oder exaltierte CGI-Action, dafür aber erstklassiges Handwerk, bei dem die Figuren und ihre Gefühle die treibenden Kräfte sind.

    Das ist ebenso wohltuend wie Maddens Zurückhaltung in Bezug auf Moralisierung. Seine Kritik an Israels Rachebedürfnis kommt ohne eine Beleuchtung des Dilemmas zwischen (internationalem) Recht und Gerechtigkeit aus und wird allein schon durch die zerstörten Leben der Protagonisten deutlich. Der Schatten der Vergangenheit, nicht nur der eigenen Taten, sondern auch die des Holocausts, ist eben länger als gedacht. ****

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