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Reaktionen und Pressestimmen: Günter Grass hat sich verrannt

Reaktionen und Pressestimmen

Günter Grass hat sich verrannt

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    Die Kritik an Günter Grass und seinem Israel-Gedicht dauert an, wie die Pressestimmen zeigen.
    Die Kritik an Günter Grass und seinem Israel-Gedicht dauert an, wie die Pressestimmen zeigen. Foto: dpa

    Literaturnobelpreisträger Günter Grass hatte am Mittwoch sein Prosagedicht „Was gesagt werden muss“ veröffentlicht. Darin wirft er der israelischen Regierung vor, mit ihrer Iran-Politik den Weltfrieden zu gefährden. Die darauf folgende scharfe Kritik wies er zurück. „Der durchgehende Tenor ist, sich bloß nicht auf den Inhalt des Gedichtes einlassen, sondern eine Kampagne gegen mich zu führen“, sagte Grass. Er beklagte eine „fast wie gleichgeschaltete Presse“.

    Die so gescholtenen Medien beschäftigen sich am heutigen Samstag wieder ausführlich mit Grass. Hier ausgewählte Reaktionen und Pressestimmen.

    "Hätte er für seine Kritik den Umgang Israels mit den  Palästinensern gewählt, wäre er kaum angreifbar gewesen. Aber seine  Argumente sind erlesen schlecht gewählt und beschreiben eine  verzerrte Weltsicht. Hier erklingt mit der Stimme des Dichters eine  politische Ansicht, die eher als weltfremd und wenig beeinflusst  durch Sachkenntnis daherkommt." Westdeutsche Zeitung

    "Wer austeilt wie Günter Grass, muss auch einstecken können"

    "Wer austeilt wie Günter Grass, wer polemisiert, wer sich hinter der künstlerischen Fassade eines "Gedichts" versteckt, wer mit der großen Keule gegen Israel ausholt, der sollte auch einstecken können. Doch der Schriftsteller setzt sich hin und ist beleidigt." Rhein-Neckar-Zeitung

    "Grass trommelt - für sich. Und die Reaktion? Günter Grass schlägt um sich, besinnungslos. Nicht anders ist zu nennen, dass ausgerechnet er, Kind der Nazizeit und Mitglied der Waffen-SS, Kritikern seiner Israel-Kritik vorhält, gleichgeschaltet zu sein. Gleichschaltung: Was für ein in der deutschen Geschichte durch Nazi-Terror und Stasi-Drangsal belasteter Begriff. Wie kann einem Mann des Wortes und von Geschichtsbewusstsein so ein Missgriff unterlaufen?"  Südwest-Presse

    "Als Lyrik keine Meisterleistung"

    "Jeder kennt das: das peinliche Schweigen, das einsetzt, wenn  sich Oma oder Opa auf der Familienfeier in seltsame Gedanken  versteigen. Den Mund verbieten kann man den ehrwürdigen Alten  schlecht, deshalb lässt man sie reden, blickt verschämt zu Boden  und wechselt dann dezent das Thema. Diese Reaktion entspricht dem Wert des Grassschen Gedichts. Als Lyrik keine Meisterleistung,  bewegt es sich inhaltlich auf - Verzeihung - Stammtischniveau.  Gleichzeitig schießt die Kritik an Grass weit übers Ziel hinaus:  Der Autor ist gewiss kein Antisemit." Neue Osnabrücker Zeitung

    "Wer sich als ehemaliges Mitglied der Waffen-SS so provokativ  wie Grass zu dem wohl kompliziertesten außenpolitischen Konflikt  der Gegenwart äußert, darf sich über heftige Reaktionen nicht  wundern. Zumal manches an seinem Gedicht höchst problematisch ist." Märkische Allgemeine

    "Günter Grass beharrt auf seiner Einschätzung, die Atommacht Israel sei kurz davor, im Streit mit dem Iran den  dritten Weltkrieg auszulösen, was eine groteske, von arroganter Faktenferne geprägte Fehleinschätzung der Lage im Nahen Osten offenbart. Wer dies aber so sagt oder schreibt, ist für Grass ein Teil "gleichgeschalteter Medien", die eine Kampagne gegen ihn führen. So schafft sich der Intellektuelle sein eigenes geschlossenes Weltbild, obwohl er just gegen solche einst  zu Felde ziehen wollte. Das Schlimme an all dieser aktuellen Aufregung um Günter Grass: Sie ist völlig übertrieben und führt zu rein gar nichts.  Liebe Kulturfreunde dieser Welt, lasst die Grass-Debatte  einfach unbeachtet! Sie lohnt nicht." Stuttgarter Zeitung

    "Günter Grass hat munter gegen Israel ausgeteilt und fühlt sich jetzt, da ihm berechtigter Widerspruch entgegendonnert, als Opfer einer Kampagne. Es ist das alte Lied mit dem Refrain: "Man darf ja nichts sagen in diesem Land." Schon Jürgen Möllemann hatte es vorgesungen. Doch, man darf alles sagen in diesem Land. Aber man muss das Echo aushalten." Südkurier

    "Die Republik braucht keine weitere Holocaustdebatte"

    "Nein, die Republik braucht keine weitere Holocaustdebatte. Das ist das Beruhigende an der scharfen Zurückweisung von Grass' angeblichem Tabubruch, endlich kritisch über Israel als Atom- und Besatzungsmacht reden zu wollen. Das geschieht andauernd, ohne antisemitische Töne. Die Zustimmung, die er trotzdem erlebt, in Kommentaren im Schatten der Öffentlichkeit, erinnert an die Resonanz auf Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab". Sie macht auch deutlich: Es wird immer Bornierte in Deutschland geben, Antisemiten, Ausländerfeinde, Rassisten, Sexisten, in allen Generationen und nicht nur unter Rechtsradikalen. Das gilt es auszuhalten." Der Tagesspiegel

    "Wenn Grass jetzt von der "fast gleichgeschalteten Presse" spricht, dann weiß er, was er tut: Er wendet einen Begriff aus unserer NS-Vergangenheit auf die Gegenwart an. Demnach geht es heute "fast" wie in der Nazi-Zeit zu, als ein Propaganda-Ministerium Medien die Inhalte vorgab. Er selbst ist Gegenbeweis seiner These. Gäbe es die Grass'sche Gleichschaltung, er hätte erst gar nicht sprechen dürfen."  Kölner Stadt-Anzeiger

    "Nein, natürlich ist der Literaturnobelpreisträger  kein plumper Antisemit. Wer Günter Grass  diese menschenverachtende  Geisteshaltung unterstellt, greift zu kurz. Sein sogenanntes Gedicht  über die Bedrohung des Weltfriedens durch Israel hat es verdient,  gelesen  zu werden -  weil man erst dann erkennt, dass der  84-Jährige, wie so oft verquast und eitel, sich in der Sache verrannt hat. " NRZ

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