Calvin Coolidge, Herbert Hoover, Franklin D. Roosevelt, Harry S. Truman, Dwight D. Eisenhower, John F. Kennedy, Lyndon B. Johnson, Richard Nixon – die US-Präsidenten kamen und gingen, aber einer blieb: J. Edgar Hoover – der Gründer und Leiter des „Federal Bureau of Investigation, das er von 1924 bis zu seinem Tod 1972 leitete.
Für viele war der Chef der Bundespolizei fast ein halbes Jahrhundert lang der zweitmächtigste Mann im Staate. Hoover war ein glühender Antikommunist, ein fanatischer Datensammler und Vertreter des Überwachungsstaates, ein begnadeter Stratege, der amtierende Präsidenten und potenzielle Gegner mit kompromittierenden Informationen unter Druck setzte. Für das liberale Amerika ist Hoover auch heute noch ein monumentales Feindbild.
Dessen ist sich auch Regisseur Clint Eastwood bewusst und sucht in seinem neuen Film „J. Edgar“ nach einem eigenen Zugang zu dieser sperrigen Figur. In seiner altersgelassenen Art tut Eastwood etwas ganz Einfaches mit dem Mann, der sich selbst als Held von Gesetz und Ordnung aufbaute: Er zeigt Hoover nicht als historische Ikone, sondern als Mensch, beleuchtet den persönlichen Kontext, aus dem heraus sich die Ursachen für die ungeheure Hartnäckigkeit seines Tuns erahnen lassen. Im Gewand eines konventionellen Biopics baut sich langsam ein spannendes, zeithistorisches Psychogramm zusammen.
„Kommunismus ist keine Partei, sondern eine Seuche“, sagt Hoover (hervorragend: Leonardo DiCaprio) zu Beginn aus dem Off. In seinem Büro diktiert der gealterte FBI-Chef einem Agenten seine Memoiren, während draußen auf den Straßen Amerikas die Bürgerrechtsbewegungen mobilmachen. Der liberale Zeitgeist der siebziger Jahre ist gerade dabei, das Betondenken des Kalten Krieges hinwegzuspülen und Hoover will der neu hereinbrechenden Zeit sein Vermächtnis entgegenstellen. Als junger Beamter des Justizministeriums organisiert er 1920 die größte Massenverhaftung der US-Geschichte, bei der 10000 Mitglieder und Sympathisanten der KP festgenommen werden. In den Dreißigern nimmt er mit dem neu gegründeten FBI den medienwirksamen Kampf gegen Großgangster wie John Dillinger auf und erlangt für sich und seine forensischen Ermittlungsmethoden die ersehnte Anerkennung, als er die Entführung des Lindbergh-Babys aufklärt.
Sehnsucht nach Anerkennung vor allem auch von der Mutter
Im Zuge des Kalten Krieges kann Hoover seine antikommunistischen Leidenschaften wieder voll und ganz ausleben. Nebenbei sammelt er Informationen über hochgestellte politische Persönlichkeiten und stöbert im Sexleben von Eleanor Roosevelt, John F. Kennedy und Martin Luther King. Kalkül, Besessenheit und die Sehnsucht nach Anerkennung treiben den erzkonservativen FBI-Chef an. Anerkennung vor allem von der eigenen Mutter (Judi Dench), bei der der unverheiratete J. Edgar bis zu deren Tod lebt.
Nur wenige Menschen zieht der Sicherheitsfanatiker ins Vertrauen: seine langjährige Sekretärin Helen Gandy (Naomi Watts) und den Assistenten Clyde Tolson (Armie Hammer), der ihm ein Leben lang die Treue hielt. Dass die beiden nicht nur Kollegen waren, sondern auch ein Liebespaar, ist eine sich hartnäckig haltende Vermutung. Eastwood und sein Drehbuchautor Dustin Lance Black („Milk“) beschreiben die Beziehung der beiden als unterdrückte, platonische Liebe. Hoover war zu sehr in seiner Homophobie gefangen, um sich seine Neigungen einzugestehen.
Dass die Verdrängung der eigenen sexuellen Abweichung eine wichtige Antriebsfeder für Hoovers groß angelegten Kampf gegen politische und gesellschaftliche Normabweichungen war, legt der Film schlüssig nahe, ohne es zum monokausalen Erklärungsansatz zu machen. Mit „J. Edgar“ ist Eastwood ein vielschichtiges und hochinteressantes Porträt eines Machtmenschen gelungen, der mit beispielloser Rigidität ein konservatives Weltbild verteidigte, in das er im Grunde selbst nicht hineinpasste. *****
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