Startseite
Icon Pfeil nach unten
Kultur
Icon Pfeil nach unten

Premiere: Zar und Zimmermann: Alles bunt

Premiere

Zar und Zimmermann: Alles bunt

  • |
  • |
  • |
    Zar und Zimmermann am Theater Augsburg
    Zar und Zimmermann am Theater Augsburg

    Es ist stiller geworden um Albert Lortzing. Bis in die 1980er Jahre hinein gehörte er - wie Mozart - zum deutschen Pflichtrepertoire. Heute gehen die Bühnen mehrheitlich auf Distanz zu ihm, und damit auch auf Distanz zu "Zar und Zimmermann".

    Über die Gründe kann man nur spekulieren: Dem einen Intendanten mag der Lustspiel-Witz Lortzings so überholt sein wie der Lustspiel-Witz des deutschen Fernsehens aus den 1950er Jahren; dem anderen Intendanten könnte aufstoßen, dass sich im "Zar und Zimmermann" alles so freundlich-jubelnd löst, obwohl doch alles andere als politische "Licht"-Gestalten ihre Hand im Spiel haben.

    Letztlich aber laufen alle möglichen Vorbehalte auf den Zweifel zu, ob uns Lortzings "Z&Z" über die Musik hinaus, also etwa über die ironische Chorprobe und den reizvollen Holzschuhtanz hinaus, noch etwas zu sagen hat. Nun hat das Theater Augsburg dem "Z&Z" ein neues Leben, eine neue Chance gegeben.

    Und auch Adriana Altaras, die Regisseurin, dachte während der Proben darüber nach, warum das Stück heute weit weniger gespielt wird als früher. Zur Antwort schlägt sie vor, dass seine politische Botschaft hinter der Maske der Komik nicht mehr verstanden wird.

    Das kann gut sein. Nur zieht Altaras daraus nicht die Konsequenz.

    Statt dessen zieht sie alle Register der Komik. Nichts, das nicht gehen würde bei ihr und ihrer Ausstatterin Ingrid Erb. Klamauk und Ulk kommen und gehen ebenso wie originelle Einfälle. Netzstrümpfe in gelben Gummistiefeln kommen und gehen ebenso wie holländische Schnallenschuhe und Spitzenhalskrausen. Ein Sherlock Holmes taucht auf und unter, dazu Zarensilber, Spielzeug-Schlachtschiffe, Arbeiter-Schutzhelme, Gouda, Streiktransparente, Luftballons, ein Rembrandt'scher Goldhelm, viel Flaschen-Bier zum Männer-Sextett.

    Allerlei Fragen drängen sich auf

    Das alles ist munter und kunterbunt durcheinandergewürfelt, in einem holländischen Hafen vor einem St.-Petersburg-Prospekt launig angerichtet, vital und detailreich durchgestaltet. Bloß Tulpen hat man vermisst - oder hat man sie im Gemenge übersehen?

    Das Produktionsteam hat sich gewaltig Mühe gegeben, tüchtig viel aus vielen Epochen hineingepackt. Wählerisch in seinen Mitteln war es kaum. Doch je länger der Trubel währt, desto drängender stellt sich die Frage: Steckt auch was hinter diesem bunten Abend? Steckt hinter all diesem Spaß und Jokus auch ein wenig Tiefgang? Wie war das mit der Botschaft? Oder konkret: Kann der Bürgermeister van Bett in seiner dummdreisten Art gefährlich werden - oder ist er wirklich nur eine von allen durchschaubare Schießbudenfigur?

    Der Chor als Fels in der Brandung

    So stehen sich zwei Befunde unversöhnlich gegenüber: Zum einen hat Adriana Altaras den "Z&Z" unzweifelhaft wiederbelebt, wirbelnd und fidel. Zum anderen hat sie - über die spaßige Unterhaltung hinaus - keinen Grund dafür geliefert, dem Stoff dieser Oper künftig wieder mehr Bedeutung beizumessen. Das aber ist in der momentanen Lage ein Pyrrhussieg.

    Dazu kommt, dass Kevin John Edusei am Pult vor den Philharmonikern über weite Strecken hinweg nicht jene rhythmische Präzision erzielt, deren der vielfach spritzige Lortzing bedarf. Zu viel ertönt da nebeneinander - unabhängig vom klappernden Augsburger Holzschuhtanz-Scherz (Ballettakademie Payer, Dimas Casinha). Man muss das hier nicht ausbreiten, darüber wird intern gewiss gesprochen. Nur so viel: Selten obliegt dem Chor (Einstudierung: Karl Andreas Mehling) gleichsam die Aufgabe des Felsen in der Brandung.

    Wenn Per Bach Nissen weniger "knattern" würde, wenn er also nicht überdeutlich machen würde, welcher Knallkopf sein van Bett ist, so wäre dieser, darstellerisch wie vokal, die Rolle seines Lebens. So aber fällt die Idealbesetzung Roman Payer als spielgewandtem, helltönendem Iwanow zu. Jan Friedrich Eggers als Zar Peter I. überzeugte - bei kaum merklicher Indisposition - mit gefühlvollen Kantilenen; Cathrin Lange durch Spielfreude und keck-glitzernden Sopran. Erfreulich auch Stephanie Hampl als ausgesprochen jugendliche Witwe Browe; agil in die Lustspiel-Mechanik greifen ein: Stephen Owen (Lefort), Tareq Nazmi (Syndham) und Seung-Hyun Kim (Marquis). Langer, freundlicher Beifall.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden