Dießen Er ist Töpfer mit Leib und Seele. Das ist ihm klar geworden, nachdem er allerhand ausprobiert hat: In Wirtshäusern seiner Kochleidenschaft gefrönt, im Gartenbau gearbeitet, im Schwabing der 68er Revolution gemacht – aber immer wieder siegte die Anziehungskraft der Erde, sprich des Tons. Seit Anfang Februar ist Stefan Huber aus Dießen 40 Jahre lang Keramiker gewesen. Das wird gefeiert, „allerdings erst zum Dießener Töpfermarkt im Mai“, kündigt er an. Dann gibt es rund um seine Werkstatt in der Von-Eichendorff-Straße eine Ausstellung.
Zum Lachen hat der Huber Stefan nicht immer was gehabt. Aber trotz mancher Tiefen habe er nie den Mut verloren. Huber-Keramik steht in Stockholm, New York, Kalifornien und an vielen anderen Orten der Welt. Daheim sind sie aber in Dießen, die bunten Gefäße, die Kachelöfen und die frei geformten „Viechereien“, die alles darstellen, was ausdenkbar ist.
War Vater Helmut Huber ein bekannter Schriftsteller und ist Bruder Sebastian Goy ein viel gehörter Hörspielautor, fabuliert Stefan Huber mit Ton und Farbe.
Mit seiner historischen Töpferkarre ist er auf dem Dießener Töpfermarkt unterwegs. Das Gefährt ist rundherum üppig behängt mit Schüsseln, Töpfen und Schalen, die in strahlenden Farben leuchten, kräftiges Rot, Orange, Magenta, Gelb und natürlich Ammersee-Blau. „Blau“, sagt Stefan Huber schmunzelnd, „das war immer meine Farbe, die ich in allen Schattierungen einsetze.“
Hubers Gefäße leben aber auch vom Material. Schwerer, erdiger und grober Ton konkurriert mit der Heiterkeit der Farben – das macht die Handschrift des Keramikers aus, der im Leben wie im Arbeiten „eben a bisserl anders“ ist. „Ich wollte immer bunte Keramiken herstellen, die nicht glatt sind, glänzen sollen sie auch nicht, es muss Bewegung drin sein“, deshalb bevorzugt er den Schamottescherben durchmischt mit Bauton.
Das Ergebnis sind große, stattliche Schüsseln, in die richtig was hineinpasst, ausladende Schalen, große Teller, auch die Tassen eignen sich für zupackende große Hände. Vieles ist zweifarbig. Aber noch mehr an der Töpferscheibe gedrehte Gefäße verbinden sich mit frei gestalteten Elementen. Meistens sind es „lustige Viecher“ aus dem Reich der Fantasy- und Fabelwesen. Da schwebt der Drachen auf einem Topfdeckel oder eine Schnecke breitet ihr Haus über eine Schale aus, die mit einem solchermaßen verzierten Deckel ein kunsthandwerkliches Objekt ist und gleichzeitig als Vorratsgefäß dient.
Mit dem Ofenbau bekannt geworden
Bekannt geworden ist die Werkstatt mit dem Ofenbau. Über 150 Öfen hat er in den ersten Jahren entwickelt und gebaut. „Damals hatte ich Angestellte und Praktikanten“, erinnert er sich.
Mit dem Thema „Kachelofen“ bestückte er immer wieder Einzelausstellungen, etwa auf den frühen Süddeutschen Töpfermärkten bei Alfred Sudau oder im Taubenturm. Als der Ofenboom verebbte, widmete sich Stefan Huber wieder mehr dem Geschirr.
Heute belebt ein weiteres Arbeitsfeld die Werkstatt mit dem großen Garten: Huber hält Kurse für Kinder wie Erwachsene. Die Schaffensfreude der Kinder gefällt dem Töpfer, und er lehrt sie, wie sich ein Batzen Ton in eine witzige und originelle Viecherei verwandelt, „das verleiht der Gestaltungskraft der Kinder Flügel“. Stefan Huber ist mit sechs Geschwistern in einer kreativen Familie aufgewachsen. Als Lehrling versuchte er es zuerst bei einer Dießener Werkstatt, „die haben mich aber nicht für voll genommen“, sinniert er. Danach ging’s direkt ins Schwabing der 68er, Stefan Huber lebte neben Volker Schlöndorff und war mitten drin in der heute legendären Szene. Bis er sein Diplom in der Tasche hatte, stellte er drei Werkstätten auf den Kopf. Eine, erzählt er, sei ihm ganz schön auf den Geist gegangen, „ich musste stapelweise Aschenbecher mit weiß-blauen Rauten herstellen und bergeweise Gartenzwerge.“ Sein wichtigstes Rüstzeug habe er dann bei Celine von Eichborn bekommen.
In der Lehrzeit stand die Baukeramik im Mittelpunkt, Wandgestaltung für den Münchner U-Bahn-Bau aus Keramik, die Einrichtung von Tchibo-Läden mit keramischen Lampen und Verkaufstheken nennt er als Beispiele.
Die Münchner Jahre waren wild und ungestüm, „als ich eines Tages durch den Englischen Garten rannte, glaubte ich zu fliegen.“ Das war für ihn ein Signal: „Jetzt gehst wieder heim.“ Vater Huber räumte seine Bibliothek und sein Arbeitszimmer, damit Stefan eine Werkstatt ein- und anbauen konnte. Am 2. Februar 1972, zugleich sein 22. Geburtstag, wurde er Mitglied bei der Arbeitsgemeinschaft Diessener Kunst (ADK) und eröffnete seine Werkstatt „mit einem gewaltigen Fest, 150 Leute waren da, alle Kreativen vom Westufer, die damals wichtig waren.“
Am 2. Februar 2012, seinem 62. Geburtstag, blätterte Stefan Huber in seinen Erinnerungen: vergilbte Zeitungsartikel, Plakate von längst vergangenen Ausstellungen, alte Fotos: „Mein Gott“, sagt er, „ich hatte so viel Rebellion und Widerspruch in mir. Aber ich bin sehr brav geworden. Seriöser eben.“ Wenngleich die Haare grau geworden sind, die Augen wirken immer noch so schelmisch wie früher. (bb)