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14. Januar 2012 07:00 Uhr

Geschichte

Als Kriegsbeute nach Dießen gekommen

Radiosendung beschäftigt sich mit den ersten Türken in Bayern. In den 1680er-Jahren verschleppten bayerische Soldaten zwei Mädchen aus Budapest und Belgrad, die am Ammersee aufwuchsen

Dießen Vor 50 Jahren kamen die ersten türkischen Gastarbeiter nach Bayern. An dieses historische Ereignis ist im vergangenen Jahr anlässlich des Jahrestags des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens vielfach erinnert worden, zumal inzwischen auch rund drei Prozent der Menschen in Bayern türkische Wurzeln haben. Doch diese reichen teilweise auch weit mehr als 50 Jahre zurück. Vor über 300 Jahren kam schon einmal eine größere Zahl von Türken bzw. Bewohnern des damaligen Osmanischen Reichs ins Land. Am Sonntag, 15. Januar, ab 12.05 Uhr geht es in der Reihe „Zeit für Bayern“ im zweiten Programm des Bayerischen Rundfunks um dieses Thema. Die Autoren der Sendung mit dem Titel „Das Türkenmariandl und der Django. Geschichten aus 700 Jahren bayerisch-türkischer Geschichte“ sind Maximiliane Saalfrank und der in Dettenschwang lebende Journalist Thies Marsen.

Auf der Suche nach den frühen Türken in Bayern wird man auch in Dießen fündig. Zwei Mädchen kamen Ende der 1680er-Jahre in den Marktort am Ammersee. Dies geschah vor dem Hintergrund der damaligen Türkenkriege. Nach der vergeblichen Belagerung Wiens durch die Türken im Jahr 1683 gelang es den christlichen europäischen Mächten in wenigen Jahren, das Osmanische Reiches auf dem Balkan weit zurückzudrängen. 1686 wurde Ofen (Budapest) erobert, zwei Jahre später Belgrad, das die Türken jedoch später wiederholt zurückgewinnen konnten.

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An der Rückeroberung des Balkans waren auch Soldaten des politisch äußerst ambitionierten bayerischen Kurfürsten Maximilian Emanuel beteiligt. In Budapest war beispielsweise auch der kurz zuvor ins Amt gekommene Dießener Markt- und Seerichter Franz Ferdinand von Helmberg (1656 bis 1743) dabei. Ein 1704 von dem Dießener Pfarrer und Augustiner-Chorherrn Anton Riedl auf Latein erstelltes „Status animarum“, ein Verzeichnis aller katholischer Einwohner, erwähnt, dass er als „Kriegskommissar“ ein „türkisches Mädchen mit[nahm], das er der katholischen Religion gemäß erzog, es in der [Dießener] Kirche vor einer großen Menge am 2. Juli 1688 getauft wurde und Maria Katharina Elisabeth Gottlieb gerufen wurde“. Die junge Frau, so berichtet der Seelenbeschrieb weiter, war in Slawonien (der nordöstliche Teil von Kroatien) geboren.

1702 einen Wagner geheiratet

Nach ihrer Taufe unterschied sich der Lebenslauf der bayerisch gewordenen Türkin wohl nicht mehr sehr von den Biografien hier geborener Frauen. 1702 heiratete sie Wagner Sebastian Wagner (1674 bis 1744) vom St. Georgener Kirchsteig und wurde mehrfach Mutter, vier ihrer Kinder erreichten das Erwachsenenalter. 1750 starb die einst aus Budapest verschleppte Frau wohl im Alter von gut 70 Jahren.

Ihr 1708 geborener Sohn Franz Joseph heiratete 1733 nach Dettenschwang. Dessen fünf Jahre ältere Schwester Maria Agnes (1703-1786) ehelichte 1728 den Dießener Metzger Thomas Hechenrieder. Die Tochter des einstigen Türkenmädchens aus Budapest übernahm mit Hechenrieder 1740 das Wirtshaus in St. Georgen. In weiblicher Linie blieb dieses Gasthaus bis 1829 im Besitz der Familie. Danach heiratete ein Sohn auf das Koch-Anwesen (St.-Georg-Straße 23). Die letzte im Ort lebende Nachfahrin des Türkenmädchens, Kreszenz Renner, starb dort im Jahr 1997.

Weniger lässt sich anhand der kirchlichen Quellen über das zweite Dießener Türkenmädchen in Erfahrung bringen. Das Seelenbuch von Anton Riedl von 1704 berichtet, es sei als „sehr vornehmes türkisches Mädchen [...] von einem bayerischen Soldaten bei der Eroberung Belgrads [1688] gefangen und hierher geführt worden, um sie zu seiner Zeit als Frau aufzunehmen“. Angeblich, so steht im Dießener Häuserbuch, war das etwa 1679 geborene Mädchen eine Tochter des türkischen Kommandanten von Großwardein (Oradea in Rumänien).

Als der Soldat wieder wegzog, ließ er das Mädchen bei dem Kaufmann Rochus Friesenegger und seiner Frau Barbara (Mühlstraße 14). Die kinderlosen Eheleute zogen es wie eine Tochter auf und ließen es 1689 als Maria Katharina Barbara Gottlieb katholisch taufen. 1702 heiratete Maria Katharina Barbara den Zimmermann und späteren Getreidehändler Medardus Matheis. Die Familie lebte bis 1707 in der Schützenstraße 15, dann kurz in der Moosstraße 13, bald darauf verließ die Familie Dießen.

Übrigens: Infolge der Türkenkriege gingen auch einige Dießener in die von den Türken geräumten Gebiete: Als 1705 die Bierbrauerswitwe Anna Feichtmayr aus der Prinz-Ludwig-Straße 4 nochmals heiratete, wanderten drei ihrer erwachsenen Kinder aus, ein Sohn namens Georg ertrank mit 18 Jahren bei Budapest in der Donau. Der St. Georgener Schäfflerssohn Sylvester Donhauser starb 1718 mit 21 Jahren ebenfalls in Budapest, seine Schwester Jacobäa soll in Szegedin gestorben sein. Die Bäckerssöhne Michael Clas aus der Prinz-Ludwig-Straße und Johann Joseph Miller vom Untermüllerplatz wanderten ins ungarische Raab aus, überliefert der Dießener Seelenbeschrieb.

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