Dießen Hundebellen, das Klirren von Kletterhaken, Anfeuerungsrufe und zwischendurch das helle Gebimmel einer Kuhglocke. Noch bevor sich dem Zuschauer das Szenario der Deutschen Meisterschaft im Baumklettern in der Eichenallee im Schacky-Park in Dießen eröffnet, gibt es einen akustischen Eindruck. Dann zeigt sich ein buntes Bild: In den Bäumen hangeln sich Wettkampfteilnehmer, erkennbar an ihren gelben T-Shirts behände durchs Geäst, am Boden kontrollieren Schiedsrichter in roten T-Shirts die Ausführung und drum herum gruppieren sich Zuschauer und jede Menge Beach-Trollys zum Transportieren der Ausrüstung. Denn jeder der 65 Baumkletterer arbeitet mit seinen eigenen Sachen, wie Jörn Benk von der Internationalen Gesellschaft für Baumpflege sagt. Die Organisation richtet diese berufsständische Meisterschaft, die sich am Arbeitsalltag orientiert, aus.
Rettung aus dem Baum
Bei zwei Disziplinen wird die Realitätsnähe besonders deutlich: Beim Arbeitsklettern und bei der Rettung eines Verletzten. Bei Letzterem muss ein Verletzter aus einem Baum geborgen werden. Der Wettbewerbsteilnehmer muss versuchen, im Baum über den Verletzten zu kommen und sich dann mit ihm abseilen, wobei eine imaginäre Wasserfläche unten erschwerend hinzukommt. Es gilt aber nicht nur die richtigen Handgriffe zu tätigen und schnell zu klettern, die ganze Rettungssituation wird simuliert: Der Baumkletterer spricht den Verletzten an, beruhigt, verständigt die Rettungskräfte und übergibt das „Unfallopfer“ in deren Arme. Es ist eine schwierige Disziplin, umso größer der Applaus, wenn sie gelingt.
Beim Arbeitsklettern gilt es den Baum zu erklimmen und verschiedene Arbeiten zu „erledigen“. Freilich wird der Schnitt mit der Stangensäge nur simuliert, der Kletterer tippt an eine Kuhglocke, um zu zeigen, dass er diesen Punkt erreicht hat. Geklettert wird auch auf einem schwachen Ast. Hier heißt es, wie Benk erläutert, das eigene Gewicht so auf die Kletterseile zu übertragen, dass der Ast nicht zu weit nach unten gedrückt wird. Schnelles Klettern an einem Baumstamm, „Footlock“, der Aufstieg mittels Fußklemmtechnik am Seil, sowie Werfen des Wurfseils sind drei weitere Disziplinen, die alle parallel an fünf Bäumen laufen.
Titelverteidiger ist Moritz Theuerkauf aus München. Der 29-Jährige kam übers Felsklettern zu dieser Tätigkeit. Theuerkauf hat Landschaftsgärtner gelernt und hörte dann vom Baumklettern. Baumklettern ist als zugelassene Arbeitstechnik laut Benk erst seit Kurzem anerkannt. „Das Wissen in der Baumpflege hat sich nahezu umgedreht“, erzählt Benk. Beispielsweise die Ansicht, dass Bäume im Winter zu schneiden seien. „Bei einem Schnitt in der Vegetationszeit kann der Baum besser auf Verletzungen und damit auf Infektionen reagieren.“
Der Fachverband Baumpflege informiert in einem Zelt über das Berufsfeld, denn es geht nicht nur um den Sport, sondern auch darum, die eigene Profession bekannt zu machen. Auf benachbarten Flächen, die der Reit- und Fahrverein Dießen zur Verfügung gestellt hat, finden sich mehrere Aussteller von Ausrüstung, ein Veranstaltungszelt und das Camp für die angereisten Wettbewerbsteilnehmer. Dass alles so nahe beieinanderliegt, empfindet Benk als ideal, so wie den Park selbst, der sehr schön sei. Theuerkauf freut sich über die familiäre Atmosphäre und spricht von einem „sehr netten Standort“. Den er übrigens schon kannte, denn er ist Ausbilder bei der Baumkletterschule München, die im Schacky-Park schon Schulungen durchgeführt hat.
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