Leeder Einen ungewöhnlichen Referenten hatten die Wirtsleute vom Landhaus Blätz in Leeder zu ihrer Veranstaltung eingeladen. Robert Briechle, Gründer der Naturwert-Stiftung Unterthingau, polarisiert schon durch sein äußeres Erscheinungsbild. Lange Haare, ein wallender Bart – und unwillkürlich bleibt der Blick an den Füßen haften. Briechle ist barfuß unterwegs.
Und dies schon seit vier Jahren, erzählt er den etwa 30 Besuchern, die der Einladung zu einem „8-Gänge-Gourmet-Menü“ gefolgt waren. Wie gut es ihm damit geht, demonstriert er mit federnden Schritten, mit denen er den Raum durchmisst, um den engen Blickkontakt mit den Zuhörern zu suchen. Viel von seinem Körpergefühl ist in den kommenden drei Stunden die Rede, in denen er den Weg beschreibt, wie er zu einem „Visionär“ einer Naturbewegung wurde. Aufgewachsen ist er in einem Bauernhof. Sein Vater war einer der Vorreiter der Biolandwirtschaftsbewegung, erzählt er. Doch dies war ihm nicht genug und er berichtet eindringlich, in welche Abhängigkeiten sich die Bauern in seinem Dorf begeben, um sich einen Traktor oder einen Melkstand leisten zu können. Ohne Maschineneinsatz, nur mit den eigenen Händen, seiner Schaufel mit der Bronzeschale und zwei Hacken bestellt er das „Dies“, sein ein Hektar großes Gartenland, mit dem er einen Teil seiner Visionen beweisen will.
Beweglichkeit und Vitalität
Denn ein Hektar Boden würde ausreichen, um eine Familie zu ernähren, meint Briechle, und auf skeptische Zwischenbemerkungen, woher das Land kommen solle, spricht er davon, dass der Landverbrauch des Durchschnittseuropäers bei zehn Hektar liegt, wenn man alle Straßen und Versorgungseinrichtungen mit berücksichtigt. Und diese Arbeit in der Natur, die er barfuß und leicht bekleidet verrichtet, verleihe ihm die Beweglichkeit und Vitalität, von der er bei seinem Vortrag geradezu sprüht. Der menschliche Körper sei von seinen Möglichkeiten her gesehen wie ein Porsche, findet Briechle, doch viele Menschen wären mit ihm nur wie auf einem Mofa mit gerade einmal 25 Stundenkilometern unterwegs. Nicht nur die Maschinen, auch die Schulen brauche man nicht, denn der Mensch habe das Wissen seiner Vorfahren in seinen Genen gespeichert, setzt er seine Thesen für ein natürliches Leben fort. Und trifft damit in dem kleinen Kreis auf vehementen Widerspruch, ob es erstrebenswert sei, „zurück in die Steinzeit zu gehen“. Doch Briechle will provozieren, wie er selbst sagt, und so bekennt er sich dazu, keine Krankenversicherung zu haben und für sich keinen Arzt zu benötigen.
Zu diesen nicht leicht verdaulichen „vier Gängen für die Sinne“ steuert Gastwirt und Koch Gottfried Blätz die „vier Gänge für den Gaumen“ bei. Er war einige Tage zuvor in Unterthingau und hat mit Briechle zusammen die „kärglichen“ Früchte geerntet, die man zu dieser Jahreszeit auf dem „Dies“ vorfindet. Aus Kartoffeln, Topinambur und Kohl zaubert Blätz „ganz ohne Chemie“ ein schmackhaftes Menü, die „giftgrüne“ Suppe stammte von der Brunnenkresse. Gerne verrät er den Zuhörern, wie er mit Schälen und Pürieren selbst aus Kohlstrünken noch eine Delikatesse zaubern konnte. Er möchte, dass seine Gäste sich „ernähren“ und nicht nur „essen“. Zudem schwebt ihm vor, auch auf seinem Grundstück einen Naturgarten anzulegen und dort jungen Menschen diese Erfahrungen zu vermitteln. (hoe)