St. Ottilien Unsere kleine Stadt von Thornton Wilder gilt heute als einer der Klassiker des epischen Theaters. In drei Akten erzählt das Stück die trügerische Oberflächlichkeit einer Kleinstadt und ihrer Bewohner, besonders des Liebespaares Georg und Emily, am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Typisch für das epische Theater im Brechtschen Sinne ist die Reduzierung der Requisiten auf das Wesentliche und das Darstellen einzelner Tätigkeiten in Pantomime. Es gibt keinen Vorhang zwischen den Akten, ein Erzähler führt durch das Stück und erläutert Details, eine Zeitreise aus dem Jenseits ist möglich.
Der Grundkurs Dramatisches Gestalten der K 12 und die Theatergruppe der 10. Klasse des Gymnasiums Sankt Ottilien inszenieren das Stück auf engagierte Weise, doch insgesamt wünscht man sich, die Schauspieler würden weniger erzählen und mehr spielen. Dabei sind die Dialoge erstaunlich gut umgesetzt worden. Sie wirken lebendig und echt. Nur die Menschen selber sind in ihrer ganzen Darstellung etwas zu unbeweglich und hölzern.
So misslingt auch die eine oder andere Pantomime. Der Milchmann übergibt drei Flaschen Milch so, dass wenigstens zwei davon zu Bruch gegangen sein müssen, Mr. Webb pflanzt bei der Gartenarbeit mehrere Blumen übereinander.
Warum der erzählende Spielleiter als Zirkusdirektor auf Rollschuhen auftritt, bleibt unklar, denn er präsentiert keine Attraktionen, keine Kunststücke oder wilde Tiere. Cornflakes sind zwar die älteste Form industriell hergestellter Frühstücksflocken, aber ihre Vermarktung begann erst 1906, so wirken die großen Packungen auf den Frühstückstischen des Jahres 1903 befremdlich.
Eine gute Regieidee
Eine gute Idee ist es, die Lebenden im dritten Akt gegenüber den Toten als Maskentragende zu entlarven. Das wahre Gesicht, die begreifende Sicht der Dinge bleibt den Gestorbenen vorbehalten.
Aber das alles sind Kleinigkeiten. Die Schüler haben ein solides Stück Theater auf die Beine gestellt und weitestgehend überzeugend dargestellt. Bleibt nur die Frage, warum die Rollenverteilung bei vier mitspielenden männlichen Schülern so seltsam ausgefallen ist. Die Darstellerin des Dr. Frank Gibbs wirkt zu mädchenhaft und wird der Rolle als Kleinstadtarzt und Ehemann nicht gerecht. Alle Mitwirkenden haben aber Lob für die intensive, zeitaufwendige Probenarbeit und ihr Engagement verdient.
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