Dieses brisante Thema in Tanztheater umzusetzen, hat sich der Choreograf Thomas K. Kopp zur Aufgabe gemacht. Entstanden ist ein überaus gelungenes Projekt, das dem Landsberger Publikum am Freitagabend als Gastspiel des Tanzspeichers Würzburg im Stadttheater dargeboten wurde.
Mit den drei Tänzerinnen Uki Etzold, Katharina Lehmann und Marie Preußler sowie den beiden Landsberger Statisten Anna-Lena Keerl und Jonathan Skudlik gelang eine spannende, ausdrucksstarke, facettenreiche Aufführung mit dem Titel "Ausziehen 2.0". Die Bezugnahme zum Begriff "Web 2.0", der unter anderem eine interaktive Nutzung des Internets durch Plattformen wie Facebook, My Space oder StudiVz umschreibt, ist unverkennbar - die Kritik an der ungenierten und leichtfertigen Preisgabe persönlicher Daten und dem Voyeurismus von Millionen Menschen ebenso.
Intelligent hat Thomas K. Kopp dieses viel besprochene Thema in Tanz umgesetzt. Feine, ineinander verschlungene Bewegungen der drei Tänzerinnen verbildlichten die digitale Vernetzung der Menschen. Eine andere Szene zeigte grazilen Tanz im Licht- und Schattenspiel: eine effektvolle Demonstration der Präsentationslust bei gleichzeitig gefühlter Anonymität im Raum. Aber auch den marionettenhaften Menschen, der sich durch sein Tun erst zum Werkzeug anderer macht oder die Fülle an Daten(müll), mit der wir uns täglich umgeben, inszenierte Kopp.
Die Darbietung wirkte lässig, büßte dadurch aber nie an Aussagekraft ein. Besonders die Pausen zwischen den Szenen steigerten die Spannung ins Unermessliche, wenn die Tänzerinnen verschnaufend auf der Bühne verharrten und den Zuschauer im Ungewissen ließen, wie es weitergeht … und wer hier eigentlich wem zuschaut.
Erlösend dann das erste gesprochene Wort oder der Abgang von der Bühne. Durchbrochen wurden die Tanzbilder immer wieder durch kleinere gesprochene oder gespielte Szenen, die das Thema erweiterten. Denn nicht nur im Internet, sondern auch im Hausmüll oder der Handtasche hinterlässt der Mensch Spuren seiner Identität.
Was uns der Hausmüll sagt
Ob die Auswertung der hinterlassenen Informationen aber wieder zum eigenen Selbstbild führt, ist fraglich. Am Beispiel einiger Funde aus dem Hausmüll demonstrierte die Tänzerin Katharina Lehmann verschiedene Deutungsmöglichkeiten. Und schließlich war man so frei, wertete gleich noch die vom Theater erhobenen Publikumsdaten aus und zeigte zudem einige Momentaufnahmen der anwesenden Zuschauer aus dem Theaterfoyer mit willkürlichem Untertitel.
Spätestens mit diesem persönlichen Eingriff dürfte Thomas K. Kopp die Brisanz des Themas verdeutlicht haben. Wenn schon nicht angsterfüllt um seine Privatsphäre, so wird das Publikum wohl doch etwas nachdenklich aus diesem Theaterabend entlassen worden sein.