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Seeberg: Viel Flair der 1950er-Jahre

Seeberg

Viel Flair der 1950er-Jahre

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    Den eigenen Gemüsegarten haben die Mieter der Seebergsiedlung zumeist aufgegeben, nur Irmgard Haim bestellt noch ihre Beete.
    Den eigenen Gemüsegarten haben die Mieter der Seebergsiedlung zumeist aufgegeben, nur Irmgard Haim bestellt noch ihre Beete.

    Schondorf Die Wäsche flattert im milden Maiwind, drum herum ist alles ergrünt und erblüht zwischen den hellgelben Häusern der Seebergsiedlung in Schondorf. „Das ist etwas ganz Besonderes, hier weht noch ein Geist, der allgemein längst vergangen ist“, schwärmt Carsten Putzar, der gerade die Leine bestückt. Gäbe es nicht einzelne Satellitenschüsseln an den Häusern, könnte man tatsächlich den Eindruck haben, als sei die Zeit in den 1950er-Jahren stehen geblieben.

    Doch der Rückstand zum Heute könnte jetzt schnell aufgeholt werden: Die Gemeinde will die vor 60 Jahren errichteten fünf Wohnhäuser der Seebergsiedlung bautechnisch auf den neuesten Stand bringen. Überlegt wird dabei auch, Teile des Siedlungsareals als Bauland zu verkaufen und Häuser abzureißen. 500 Euro, so die Kalkulation der Gemeinde, könnten dabei pro Quadratmeter erlöst werden, wenn rund um die Gemeindehäuser innerörtlich verdichtet wird, wie es im Stadtplanerdeutsch heißt. All das wurde bei einem kürzlich abgehaltenen Informationsabend bekannt.

    Irmgard Haim lebt schon seit 1958 in der Seebergsiedlung, länger als alle anderen Bewohner. Sie erzählt, ihr Mann habe die Wohnung als Gemeindebeschäftigter damals bekommen. Drei Buben zog sie in der Dreizimmerwohnung im Parterre groß, die sie seit dem Tod ihres Mannes allein bewohnt. Anfang der 1950er-Jahre seien die Häuser gebaut worden, um Wohnraum für Flüchtlinge zu schaffen, erinnert sich die 84-jährige gebürtige Oberschondorferin. Zwei Zimmer, eine Küche und ein kleines Bad, dazu zwei Kellerräume bilden in der Regel eine Wohneinheit. Auf der großzügig gestalteten Anlage bekam zudem jede Partei einen kleinen Streifen Land, um darauf Gemüse zu bauen, und am anderen Ende errichteten sich die Bewohner kleine Schupfen, um Brennmaterial und Gartengeräte unterzubringen, dazu gab es noch eine Wäscheleine. Bis heute hat sich dieses Bild im Wesentlichen so erhalten. Irmgard Haim gehört zu den ganz wenigen, die noch ihren Gemüsegarten bestellen. Kurz vor Mittag hackt sie gerade ihre blitzsauberen Beete. Jetzt, Anfang Mai, ist schon alles bestellt, wie jedes Jahr seit 1958. Von den geplanten Veränderungen hat Irmgard Haim gehört. Was sie sich an Verbesserungen wünschen würde, bringt sie auf einen einfachen Nenner: „Wenn sie die Fenster richten, dann langt es mir.“

    Eine solche Minimallösung hat freilich Bürgermeister Peter Wittmaack (SPD) schon mal ausgeschlossen. Diese Möglichkeit findet sich nicht unter den sieben Varian-ten, die Architekt Edgar Bürger der Gemeinde vorgeschlagen hat. Man wolle den Mietern ordentliche Wohnungen bieten, komplett saniert. Die Kosten bezifferte Bürger auf knapp 1,5 Millionen Euro. Eine weitere große Investition wäre das für die Gemeinde Schondorf, die zuletzt viel für Gebäude von Schützen und Jugend und in die Sanierung des Rathauses investiert hat, den Bahnhof und die Bushalle gekauft hat, dazu weitere Grundstücke im Ort.

    Mehr als 6000 Quadratmeter und teilweise mit Seeblick

    Deshalb sehen mehrere Varianten auch vor, Teile der Seebergsiedlung zu verkaufen, um sie baulich zu verdichten – entweder die kaum mehr genutzten Gemüsegärten oder es könnten einige Häuser abgebrochen werden und mittig ein Zwölf-Parteien-Komplex als Ersatz gebaut werden. Eine weitere Variante spielt mit dem Gedanken, die Siedlung ganz zu beseitigen und für die Bewohner irgendwoanders neu zu bauen. 3,3 Millionen Euro wäre das mehr als 6000 Quadratmeter große Areal (teilweise mit Seeblick) wert, schätzt die Gemeinde.

    „Das Grundstück ist ein Filetstück“, sagt eine Nachbarin von Irmgard Haim. Dass die Gemeinde überlegt, einen Teil davon zu Geld zu machen, kann sie gut verstehen. Auf die anstehenden Veränderungen blickt die Mieterin gelassen: „Was bleibt schon ein Leben lang?“, sagt sie und macht klar, dass sie nichts gegen eine moderne Wohnung hätte, die mittels Grundstücksverkauf mitfinanziert werden könnte. „Im Winter zieht es und ist kalt, wenn ich abends heimkomme, hat es noch acht oder zehn Grad in der Wohnung.“ Auch die Elektroinstallation sei unzureichend, mehr als zwei Herdplatten könne sie nicht anmachen, Herd und Waschmaschine gingen auch nicht gleichzeitig.

    Ähnlich sehen das auch zwei Bewohnerinnen im Nachbarhaus. Die früheren Beete und jetzigen Rasenflächen könnten ruhig bebaut werden, wenn nur im Winter nicht mehr ganztags die Eisblumen an den Fenstern blühen. Eines wollten sie aber nicht: Dass die Häuser abgerissen werden, schließlich hätten sie beim Einzug einiges Geld in die Ausstattung investiert.

    Wittmaack: Behutsam vorgehen und Bewohner mitnehmen

    Carsten Putzar hat inzwischen seine Wäsche aufgehängt. Vor vier Jahren, erinnert er sich, seien die Bewohner erstmals ins Rathaus eingeladen worden, als es hieß, die Siedlung solle energetisch saniert werden. Seither habe er nichts Konkretes mehr gehört. Er ist unzufrieden: „Man lässt seither 20 Parteien im Unklaren, die haben alle Angst, dass sie raus müssen.“ So etwas passe nicht in eine Zeit, in der Offenheit verlangt werde. Und da müsse man sich nicht wundern, dass die Leute die Piraten wählten.

    Aber er hätte doch zum Informationsabend gehen können, wirft seine Nachbarin ein. Das bringe ja doch nichts, meint der Senior. Auch einen Fragebogen, um die Wünsche der Mieter zu erfahren, vermisst Putzar. Eine solche Befragung kündigt jedoch Bürgermeister Wittmaack an. Auf der Bürgerversammlung versicherte er, „wir werden das sehr behutsam angehen und die Menschen mitnehmen, die dort leben“. Beschlüsse seien noch nicht gefasst, das solle aber bis zum Jahreswechsel geschehen.

    Die Bewohner seien den Ideen der Gemeinde gegenüber aufgeschlossen. „Auf der Versammlung hat keiner gesagt, ich mache nicht mit“, sagte Wittmaack und verwies auf die Variante 6. „Sie würden dann moderne Wohnungen bekommen, im Wesentlichen zu den jetzigen Konditionen.“ Putzar sieht die Sache nicht so positiv und glaubt folgendes Kalkül der Gemeinde zu erkennen: Die armen Leute in der Seebergsiedlung sollen auf einen Teil ihres Lebensumfelds verzichten, um die „ruinierten Gemeindefinanzen“ zu sanieren.

    „Die Seebergsiedlung hat viel Flair“, sagt auch Claudia Monaco-Haßmann, die hier vor eineinhalb Jahren eingezogen ist. Doch wenn neben die alten Gemeindewohnhäuser weitere Häuser – womöglich noch von gut betuchten Käufern – gebaut werden, „dann geht dieses Idyll verloren“. Die Wünsche der Siedlungsbewohner, meint auch sie, seien eigentlich nicht groß: „Die Leute wollen neue Fenster haben.“

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