Wer kennt sie nicht, die Vorher-Nachher-Bilder aus Fernsehen oder Frauenzeitschriften? Auch in Rammingen findet jedes Jahr eine Art „Vorher-Nachher-Show“ statt – eine tierische Typveränderung sozusagen. Denn immer wenn es wärmer wird, greift Pit Rauscher zum Schergerät und verwandelt seine flauschigen Alpakas in schlanke, dünnhalsige Wesen.
Die tragenden Stuten haben es schon hinter sich, jetzt ist die viereinhalbjährige Ragna dran. Pit Rauscher führt sie auf die Folie, befestigt die vier Seile an ihren Beinen. Etwas martialisch sieht es aus, als Ragna langsam der Boden unter den Füßen weggezogen wird: Sie wird „eingespannt“, damit sie sich nicht mehr so gut bewegen kann und ruhig liegen bleibt. „Einige wenige Züchter scheren ihre Tiere im Stehen“, erklärt Pit Rauscher. „Aber da ist die Gefahr zu groß, dass ich sie versehentlich schneide, wenn sie eine schnelle Bewegung macht.“
Der 34-Jährige setzt das Gerät am Bauch von Ragna an und beginnt zu scheren. Neugierig schaut ihm die Stute dabei zu. Sie kennt das Prozedere schon aus vergangenen Jahren und bleibt ruhig. Nur ein paar Mal, an den kitzligen Stellen, brummt sie vor sich hin. Und ein bisschen Spucken muss natürlich auch sein.
Wie die Stute Ragna schaut auch Heike Rauscher ihrem Mann Pit und dessen Bruder Stephan bei der Arbeit zu. Die beiden sind inzwischen ein eingespieltes Team. „Wenn ich noch mithelfen würde, würde ich alle nur nervös machen“, glaubt Heike Rauscher. Anfangs habe sie schon überlegt, ob das Scheren auch gut für die Tiere sei. Doch den Alpakas, die ja vor allem wegen ihrer Wolle gezüchtet werden, ging es nach der Schur immer besser – gerade an heißen Tagen. „Wenn sie am Abend nach dem Scheren auf einmal auf der Weide herumhüpfen, wo sie am Tag zuvor nur im Schatten stehen wollten, dann weiß ich dass wir es richtig machen“, sagt sie.
Inzwischen hat Pit Rauscher die eine Seite vollendet. Er dreht Ragna um und setzt das elektrische Schermesser erneut an. Mit gekonnten Griffen befreit er Ragna von ihrem dichten, weiß-braun gemusterten Fell. Seine Schwiegermutter Annelies Schmid steht schon bereit, nimmt die Wolle und füllt sie in einen blauen Plastiksack. „Bei Alpakazüchtern werden bunte Tiere belächelt“, erklärt sie. „Wir Spinner lieben sie.“ Denn aus einem gefleckten Alpaka lässt sich farbig melierte Wolle spinnen.
Das ist Annelies Schmids Aufgabe: Erst wäscht sie das Vlies, dann lässt sie es trocknen und erst nach dem Kämmen verarbeiten sie und ihr Spinnkreis es zu richtigen Wollfäden. Das dauert: Nach fünf Stunden hat man etwa 100 Gramm Wolle. „Mindestens ein Pulli lässt sich aus der Wolle von einem Alpaka machen“, erklärt Annelies Schmid, während sie aufräumt. Zwischen eineinhalb und drei Kilogramm Rohwolle verliert ein Tier beim Scheren. Je jünger es ist, umso mehr. Insgesamt erhält man pro Alpaka zwischen 700 Gramm und zwei Kilogramm fertiger Wolle.
Nach 20 Minuten ist alles vorbei
Nachdem auch die andere Seite von Ragna fertig ist, geht Pit Rauscher zu den Beinen über, dann ist der Hals dran. „Bauch und Beine sind am gefährlichsten, da sind die Tiere empfindlich“, erklärt er. Etwa drei Millimeter lässt Pit Rauscher stehen – die Tiere sollen schließlich keinen Sonnenbrand bekommen. Zum Schluss gibt es alle paar Jahre eine schicke Kurzhaarfrisur von Bruder Stephan Rauscher und nach knapp 20 Minuten ist die Schur für Ragna auch schon beendet.
Die eineinhalbjährige Naila hat die Prozedur genau beobachtet. Sie wurde noch nie geschoren und wirkt ein wenig skeptisch. Doch die ruhige Art von Pit Rauscher scheint sich auf sie zu übertragen. Ganz gelassen lässt sie sich einspannen und von ihrem Fell befreien, das noch dichter ist als das der älteren Ragna. Die Routine geht los und als nach 20 Minuten wieder alles vorbei ist, deutet kaum noch etwas darauf hin, dass hier gerade ein Alpaka geschoren wurde. Höchstens vielleicht der kleine saftig grüne Spuckefleck auf der dunklen Folie.