Als die Amerikaner immer näher rücken, beginnt am 22. April 1945 die SS die Evakuierung des KZ-Lagers bei Türkheim. Ein Häftling erinnert sich später: "Eines frühen Morgens kam ein SS-Aufseher die Treppe herunter und verkündete: ,Dieses Lager wird evakuiert. Ihr werdet in ein anderes Lager gebracht.' Zuerst hat man uns in Reihen aufgestellt, neben diesen Kartoffelmieten (Erdhütten). Zu Fuß wurden wir dann in Richtung Dachau getrieben."
Angeblich soll ein Treck von 550 Häftlingen - andere Quellen sprechen sogar von etwa 1200 Häftlingen - aus dem KZ bei Türkheim über Landsberg nach Pasing getrieben worden sein. Einigen Häftlingen gelingt dabei die Flucht. Auch aus dem Lager bei Türkheim können welche fliehen, so Ruth Deutscher. Auf der Flucht bittet sie eine Türkheimer Bäuerin um ein Versteck. Die Bäuerin hat Angst, will sie weiterschicken. Da schreitet ein französischer Kriegsgefangener ein und meint zur Bäuerin: "Du wirst sie nicht hinauswerfen, wenn du das machen würdest, wären sie zum Tode verurteilt."
Drei Jüdinnen versteckt
Mehr Zivilcourage zeigt damals der Türkheimer Willi Seitz. Er versteckt drei Jüdinnen in seinem Haus. Später wird ihm in Israel, im Park der Gerechten, ein Baum gepflanzt. Als 1982 der berühmte Wiener Psychologe Viktor Frankl in Türkheim ist, bedankt er sich bei den Türkheimern, die zuletzt Juden aus dem Lager bei sich versteckt hatten.
Der Beauftragte des Roten Kreuzes schreibt: "Am 26. April 1945 habe ich feststellen können, dass das Lager in Türkheim leer war, bis auf 500 Häftlinge." Er fährt nach Landsberg, kehrt dann gleich wieder nach Türkheim zurück und stellt fest: "Als ich wieder in Türkheim war, habe ich das Lager geöffnet und die Gefangenen freigelassen, die sich in einem Umkreis von zehn Kilometern in die umliegenden Wälder geflüchtet haben. Einzig 200 Personen haben es vorgezogen, im Lager zu bleiben. Ich habe die Nacht in einer Baracke im Lager verbracht. Um 2 Uhr morgens haben die Amerikaner das Feuer gegen die Deutschen eröffnet; der Kampf hat sich sogar im Lager abgespielt und hat drei Stunden gedauert. Am Ende dieser Begegnung lagen viele Tote auf dem Boden. Ich habe die Verwundeten aufgesammelt, deren Zustand sehr ernst war, und ich konnte sie in die umliegenden Häuser bringen. Es hat einige Tage gedauert, bis man die Möglichkeit hatte, sie in ein Lazarett zu bringen, wo sie ein deutscher Arzt betreut hat."
Eine eigenartige Verabredung gab es noch vor der Befreiung zwischen dem Lagerkommandanten des Türkheimer KZs, Karl Hofmann, und den jüdischen Häftlingen. Joseph Bernhart schreibt hierzu in sein Tagebuch: "18. Mai 1945: Unterwegs hörte ich dann Näheres über den viel gepriesenen Lagerführer, den ich nun schon öfter in Begleitung seiner jüdischen Klientel gesehen habe. Er war SS-Mann gewesen und hatte sich frühzeitig beim ersten Geruch der Katastrophe überaus freundlich zu den Insassen des Lagers gestellt. Das wechselseitige Einverständnis von langer Hand hat ihm den Vorteil der Rettung gebracht. Vorteil auch den Juden, die sich seiner nun nach Belieben bedienen, um aus der Bevölkerung das Mögliche und Unmögliche herauszuschlagen. Die jüngst noch durchgeführte Kleidersammlung von Haus zu Haus (in Türkheim) ist auf sein Betreiben zurückzuführen."
Thema nicht beendet
Mit der Befreiung ist das Thema Türkheim und die Juden noch lange nicht abgeschlossen. Es kommen immer weitere Juden, sogenannte displaced personnes, nach Türkheim. 1947 sind ca. 350 Juden, hauptsächlich aus Polen, in Türkheim. Sie müssen hier ebenso untergebracht werden wie die Heimatvertriebenen und zurückkehrende Kriegsgefangene.
Erst mit der Gründung des Staates Israel entspannt sich die Situation. Die Juden wandern in die USA aus oder gehen nach Erez/Israel.