Das Allgäu zählt fast so viele Dialekte wie Dörfer. Überall sprechen die Leute ein bisschen anders. Doch viele alte Begriffe drohen, verloren zu gehen. Die Mindelheimer Zeitung will helfen, sprachliche Besonderheiten zu bewahren. Zum Auftakt einer regelmäßigen Dialektkolumne haben wir mit Michael Kobr gesprochen. Im Interview berichtet der Kluftinger-Autor vom unschätzbare Wert des Dialekts, von der Übermacht des Bairischen und von der Schwierigkeit, noch Leute zu finden, die richtig Allgäuerisch können.
Herr Kobr, Sie arbeiten in Ihren Romanen auch viel mit verschiedenen Mundarten. Was bedeutet Ihnen Dialekt?
Kobr: Sehr viel. Auch wenn das bei mir eher eine gefärbte Alltagssprache ist. Ein Oberallgäuer Heimatpfleger würde das nicht als Dialekt bezeichnen, was ich spreche. Aber die heimische Sprache war schon in der Schule wichtig für mich. Da hat man gleich eine besondere Ebene, wenn Leute gleich reden. In Nürnberg wird man damit vielleicht als komischer Schwabe angesehen. Aber wir verstehen uns. Dialekt bedeutet für mich also auch Heimat.
Haben Sie ein Lieblingswort?
Kobr: Ja, „priml“. Das ist aber eher ein Kunstwort.
Und das bedeutet?
Kobr: Das ist eine Verballhornung von „prima“. Das kommt in den Romanen vor und wir verwenden es auch privat untereinander.
Kein Wunder also, dass man das auf der Straße noch nicht so oft gehört hat. Aber man hat ohnehin den Eindruck, dass im Allgäu fast jedes Dorf seinen eigenen Dialekt hat.
Kobr: Ja, unbedingt. Es gibt so klassische Dialektgrenzen. Ich komme ja eigentlich aus dem Oberallgäu und wohne jetzt in Memmingen. Das ist so ein Sprachgrenzraum. Da gibt es schon einen starken Einschlag ins Württembergische.
Was für eine Art Dialekt sprechen Sie dann jetzt genau?
Kobr: Ich bin schon noch stark von meiner Herkunft geprägt. Von den Memmingern und Württembergern habe ich mich noch nicht einfangen lassen. Je mehr man aber bei Lesungen unterwegs ist, desto mehr klingt auch das Hochdeutsche durch.
Das heißt, Sie verlieren langsam Ihren Akzent?
Kobr:Naja, bei unseren Lesungen nehmen wir kein Blatt vor den Mund. Wir haben das anfangs gemacht, wenn wir in Norddeutschland unterwegs waren. Mittlerweile klingen wir aber wieder überall gleich, egal ob wir ins Sankt Pauli auftreten oder in Altusried. Wir haben gemerkt: Die Leute wollen das haben, die wollen diesen Originalton Süd.
Wenn in den Medien mit Dialekt gespielt wird, dann aber meistens nur mit dem Bairischen. Warum ist das so?
Kobr: Das Bairische gilt halt mittlerweile als Salondialekt. Das merkt man ja auch an den Produktionen vom Bayerischen Rundfunk. Da kommt höchstens mal der Quotenschwabe oder der Quotenfranke vor. Wir hatten bei einem Filmcasting kürzlich sogar große Probleme, Schauspieler zu finden, die Allgäuerisch sprechen können. Ich habe ursprünglich zum Beispiel auch nicht gewusst, dass Herbert Knaup (der Kluftinger-Darsteller, Anm. d. Red.) eigentlich Allgäuer ist. Der ist in Sonthofen geboren. Den habe ich eigentlich immer mit einem Berliner Hochdeutsch in Verbindung gebracht.
Muss man sich Sorgen um das Allgäuerische machen?
Kobr: Naja, die völlig krassen Dialekte mit ihren eigenen Ausdrücken sind ja überall auf dem Rückzug.
Hat das Allgäuerische vielleicht ein Imageproblem: Klingt auf der Bühne ganz putzig, gilt aber eigentlich als provinziell?
Kobr: Bestimmt. Wer einen Allgäuer Dialekt spricht, gilt als ein bisschen baurig. Ich glaube, da findet aber gerade auch ein Wandel statt, weg vom Klischeehaften. Die ganze Suche nach Authentizität führt auch viele Junge zum Dialekt zurück. Das hat ja auch die Kampagne „Wir können alles außer Hochdeutsch“ von Baden-Württemberg gezeigt.
Aus Ihrer Sicht als Realschullehrer, der Sie ja auch sind: Wie wichtig ist Dialekt für die Sprachentwicklung eines Kindes?
Kobr: Dialekt stiftet einfach Identität, das ist wichtig für die regionale Verortung. Die Legauer beispielsweise sprechen Dialekt, weil man den bei der Feuerwehr und im Turnverein auch spricht. Das gibt ein Gemeinschaftsgefühl. Ich spreche mit meinen Kindern auch ab und zu ein dialektales Wort. Und an denen merke ich das auch: Die können die beiden unterschiedlichen Sprachebenen sehr gut auseinanderhalten. Das kann später beim Lernen anderer Sprachen natürlich hilfreich sein.
Sie waren gerade drei Wochen im Urlaub. Haben Sie ihren Heimatdialekt da vermisst?
Kobr: Drei Wochen halte ich es schon ohne aus. Zudem war ja auch meine Familie dabei. Da fällt das nicht so auf. Aber ich war auch mal eine ganze Weile in Italien. Da war ich schon froh, als ich wieder daheim war, in eine Bäckerei gehen und dort „Brezga“ bestellen konnte. Interview: Florian Zick